Nachlese Welt-Aids-Tag in der Schweiz
18. Dezember 2022
Diskriminierung im Gesundheitswesen war das Thema der heurigen Schweizer Kampagne zum Welt-Aids-Tag. Die Aids-Hilfe Schweiz hat sich einiges einfallen lassen und weder Aufwand noch Kosten gescheut. Eine Nachlese.
Seit vielen Jahren sammelt unsere nationale Dachorganisation Diskriminierungsmeldungen. Alle Betroffenen können ein Lied davon singen. Interessant: Am häufigsten passiert es im Gesundheitswesen, wo man es am wenigsten erwartet. Fast ein Drittel der gemeldeten Fälle betreffen diesen Sektor. Überforderte Zahnärzte, Chirurgen, Notfallmediziner, Pflegepersonal; die Verweigerung von Behandlungen, unnötige Hygienemassnahmen, das Abweisen einer schwangeren Frau durch mehrere Spitäler und die widerrechtliche Weitergabe vertraulicher Daten – das Spektrum ist weit.
Woran liegt es, dass es derart harzt im Gesundheitswesen? Es sind die starken Bilder aus den 80er und 90er Jahren, die immer noch in den Köpfen herumgeistern. Man war damals in der Schweiz sehr erfolgreich und kreativ, um gerade im Gesundheitsbereich tätigen Profis beizubringen, dass man Menschen mit HIV behandeln und betreuen kann, wenn man sich entsprechend schützt. Diese Schutzmassnahmen sind längst überholt, und seit bald 15 Jahren sind wir mit dem Swiss Statement unterwegs. Doch die Geister von damals lassen sich so schnell nicht vertreiben.
Eine unbekannte Ärztin reagierte heftig auf die neue Kampagne. Sie schreibt der Aids-Hilfe Schweiz unter anderem:
„Ich habe ihren Brief über Menschen mit HIV bekommen, quasi mit der Mahnung darauf, dass ich als Ärztin keine „übertriebenen“ Massnahmen treffen sollte in der Behandlung von HIV Patienten, damit sich diese ja nicht diskriminiert fühlen.
Ich kann dazu nur sagen, dass ich dies nicht akzeptiere! Auch wenn 95% nicht ansteckend sind, gibt es immer noch die anderen 5% und auch bei den behandelten Patienten kann ich ohne Labor nicht sehen, wie der aktuelle Viral Load ist.
Auch wenn nur ein minimales Risiko besteht sich anzustecken, setzte ich mich diesem Risiko sicher nicht aus, vorallem wenn es vermeidbar ist und handle entsprechend nach meinem Sicherheitsbedürfnis. Wenn dies den Betroffenen nicht passt, sollen sie sich nicht von mir behandeln lassen.
Ich behalte mir ganz klar vor, im Umgang mit HIV und auch anderen infektiösen Patienten meinen eigenen Schutz zuoberst zu stellen. Es ist mir dabei egal, weshalb die Patienten infektiös sind und verurteile sie nicht, darum geht es überhaupt nicht. Ich habe nämlich auch keine Lust auf eine PEP Prophylaxe und der damit verbundenen psychischen Belastung bei den eigenen Testungen, ob man sich angesteckt hat oder nicht und meine eigene Gesundheit ist mein oberstes Gut.»
Da hat jemand aber heftig überreagiert, und wahrscheinlich auch das erhaltene Informationsmaterial nicht richtig gelesen.
Es gab aber auch positive Reaktionen:
«Mit Erstaunen habe ich Ihren Brief gelesen, in dem Sie schreiben, dass viele diskriminierende Äusserungen aus dem Gesundheitswesen kommen. Als Niederländer arbeite ich als Dentalhygieniker in der Schweiz. Ich denke, wir sind diesbezüglich in den Niederlanden offener. (..) Wenn Menschen auf der Suche nach einer Dentalhygieniker zu Ihnen kommen, helfe ich ihnen gerne weiter. In den Niederlanden gibt es ein spezielles Register mit Pflegeanbietern, die bereit sind, allen zu helfen. Ich möchte gerne helfen diese Diskriminierungen zu stoppen.»
Oder hier:
«Die Pakete sind übrigens eingetroffen. (…) Hat wunderbar geklappt und hat bei meinen Mitarbeiterinnen bereits Wirkung gezeigt («Das wusste ich gar nicht?!») 😊Super.»
Während der Kampagne wurden 74’000 Faltblätter «Umgang mit Menschen mit HIV im Gesundheitswesen» verteilt. Dazu wurden 100’000 Beutel Entspannungstee aus den Bündner Bergen mitgeliefert. Ein Webinar wurde veranstaltet und eine spezielle Webseite aufgeschaltet. 16 Kooperationen mit Berufsverbänden und Fachgesellschaften, unter anderem die FMH, konnten für eine Zusammenarbeit gewonnen werden. Die Medienarbeit brachte ein erfreuliches Echo in allen Medien und Landesteilen.
Die Kampagne wird 2023 weitergeführt. Das ist wichtig, um die Inhalte zu vertiefen. Was wir uns für die Zukunft wünschen würden, sind Massnahmen, welche die Diskriminierungen im Privatleben thematisieren, sei es in der Familie, bei der Partnersuche oder beim Sexdate. Diese Stiche schmerzen nämlich ganz besonders.
David Haerry / Dezember 2022
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