«Sauhund» – ein Debutroman der Extraklasse
«München. 1983, Flori kommt vom Land und sucht das pralle Leben, Glitter und Gloria, einen Mann, der ihn mindestens ewig liebt. Flori ist ein unverbesserlicher Glückssucher und Taugenichts, ein Sauhund und Optimist.» Lion Christ setzt ihm und all den vergessenen Liebenden des ersten AIDS-Jahrzehnts ein rauschhaftes Denkmal. Soweit der Umschlagstext.
Wenn man den Titel hört, denkt man als Berner natürlich gleich an Martin Franks Erstling von 1979 «ter fögi isch e souhung», später verfilmt als «F est un salaud». Aber die beiden Bücher haben wenig Gemeinsamkeiten.
Flori, der naiv-liebenswürdige Protagonist aus Oberbayern, flüchtet sich aus der öden Provinz ins glitzernde München der frühen 1980-er Jahre. Lebenshungrig schleudert Flori stets knapp am Absturz durch den Alltag. Zwischen Alkohol- und Drogenexzess, Bartresen und Aufriss in einschlägigen Treffpunkten, träumt er von der Karriere als Travestiekünstler, wuselt durch die Schwulenszene der bayrischen Metropole und bleibt doch irgendwie am Boden. Grandios unbekümmert, naiv religiös, mit einer alles verzeihenden Mutter, kriegt der Flori nichts auf die Reihe und schafft die Kurve dann trotzdem, bloss nicht so wie gedacht.
Das Buch ist kein AIDS-Roman. Das Virus wird erst verdrängt, kommt nur langsam näher und manifestiert sich schliesslich in den Gauweilerschen Schwulenrazzien, dummen Sprüchen von Taxifahrern und dem Floris’ Zuneigung suchenden, bereits erkrankten Gernot. Flori bekämpft seine Gefühle, zu gross ist die Angst.
Die damalige Szene reagiert skeptisch auf den Nachweistest. Flori meint „Lieber gar ned Bescheid wissen, find ich, wo man doch eh nix dran ändern kann.“ Genauso war es. Man konnte sich damals voller Angst vom Leben abkapseln und mental zerbrechen. Man konnte versuchen, trotzdem zu leben und sich zu schützen, sich dabei ständig überfordern und an der eigenen Unzulänglichkeit scheitern. Oder man liess sich nicht erschüttern und entschied sich für das pralle Leben mit seinen Unwägbarkeiten. Meisterhaft, wie sich Flori die Realität zurechtlegt und -biegt. Dabei kommt ihm der bayrische Dialekt zu Hilfe – ein wunderbarer Kniff des Autors. Man sieht, was ins Konzept passt und wofür man Worte findet. Zum Nachdenken, zur Reflexion reicht die Zeit nicht.
Lion Christ ist Ende 1990-er Jahre in Bad Tölz geboren. Er studierte Film und literarisches Schreiben. Die Epoche seines literarischen Erstlings liegt eine gute Generation zurück. Darf man diese Zeit beschreiben, wenn man sie selber nicht erlebt hat? Unbedingt, wenn man das so empathisch und glaubwürdig schafft – Flori ist ganz das Kind seiner Zeit. Er sucht die erfüllende Liebe und trifft dabei in jungen Jahren auf den Grenzen setzenden Tod. Gut gemacht und wunderbar gelungen.
David Haerry / Mai 2024
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