AFRAVIH 2026 schreibt Geschichte: Die französischsprachige Community von Forschenden und NGOs im Bereich HIV trifft sich und lässt sich nicht zum Schweigen bringen

Vom 4. bis 7. Mai 2026 fand im Palais de Beaulieu in Lausanne, Schweiz, die 13. Ausgabe der Internationalen frankophonen Konferenz zu HIV/Hepatitis/Sexualgesundheit/neu auftretenden Infektionen statt. Vier Tage, 642 akzeptierte Abstracts, Teilnehmer*innen aus über 40 Ländern und eine Frage, die sich durch alle vier Tage zog: Wie kann man im aktuellen Kontext knapper Finanzmittel den Kurs halten?

AFRAVIH wurde 2009 mit dem Ziel gegründet, Akteure zusammenzubringen, die sich in frankophonen Ländern im Kampf gegen HIV engagieren. Der Tätigkeitsbereich hat sich seitdem auf Hepatitis und neu auftretende Infektionen sowie auf den Bereich der sexuellen Gesundheit im weiteren Sinne ausgeweitet. Doch AFRAVIH ist weit mehr als eine alle zwei Jahre stattfindende Konferenz: Sie ist ein Netzwerk, das das ganze Jahr über aktiv ist und dessen Aktivitäten unter anderem die Entwicklung von Fortbildungen, die Stärkung bewährter Behandlungsmethoden, den Austausch wissenschaftlicher Expertise und die Förderung der klinischen Forschung umfassen. Der Verein organisiert zudem regionale Treffen wie AFRAMED (im Maghreb, seit 2015), bietet spezifische Fortbildungen für Kliniker aus westafrikanischen Ländern an und hat ein Werk veröffentlicht, das von einem Kollektiv aus über 190 frankophonen Expert:innen aus 17 Ländern verfasst wurde, mit dem Ziel, das Wissen über HIV, Hepatitis und sexuelle Gesundheit für all jene zugänglich zu machen, die im Norden wie im Süden für einen Zugang zu hochwertiger Gesundheitsversorgung kämpfen. Der gerechte Zugang und der Kampf gegen alle Formen von Stigmatisierung und Ausgrenzung sind fester Bestandteil der Werte von AFRAVIH.

Lausanne 2026 unter Druck

Die in der Schweiz unter dem Vorsitz von Prof. Matthias Cavassini (CHUV) organisierte Veranstaltung, mit den Co-Vorsitzenden Prof. Alexandra Calmy (HUG) und Prof. Gilles Wandeler (Inselspital Bern) sowie dem wie immer von Prof. Christine Katlama wahrgenommenen Vorsitz der AFRAVIH, fand in einem besonders angespannten globalen Kontext statt. Sinkende Finanzmittel, überlastete Gesundheitsstrukturen und eine wachsende Bedrohung des Zugangs zu Therapien: Diese Themen prägten die Debatten weit über die ihnen formal gewidmeten Symposien hinaus. Kamerun mit 138 akzeptierten Abstracts, Senegal mit 93 und Frankreich mit 91 Abstracts führen die Rangliste der Vorträge nach Ländern an – eine geografische Verteilung, die viel über die von AFRAVIH geknüpften Verbindungen zwischen Europa und den Ländern Subsahara-Afrikas aussagt. Stipendien machen einen bedeutenden Teil des AFRAVIH-Budgets aus, und mehr als 100 Teilnehmende erhielten eine vollständige oder teilweise Kostenübernahme durch sieben Partner, darunter die ANRS MIE, Expertise France, das IRD, das CHUV und die HUG.

Eine Session zu Ehren der Sozialwissenschaftlerin Sandrine Musso

Die Session S16 vom Mittwochnachmittag trug einen Eigennamen im Titel: «Sozialwissenschaften – Sandrine Musso», eine Hommage an die Anthropologin, deren Arbeiten das Verständnis für gemeinschaftliche Mobilisierungen rund um HIV geprägt haben. Moderiert von Rose André Faye (Universität Cheikh Anta Diop) und David Jackson-Perry (CHUV), umfasste sie sieben Vorträge, die ein eindrucksvolles Panorama der strukturellen Dimensionen der Epidemie boten.

Die sexuelle Gewalt, der haitianische Frauen in Französisch-Guayana ausgesetzt sind (Alcouffe et al.), die jahrzehntelange Stigmatisierung von Menschen mit HIV in Kamerun (Metambou Kemgang et al.), afrikanische Wundermittel angesichts neu auftretender Epidemien (Zran), die widersprüchlichen Auswirkungen sozialer Unterstützung für Menschen mit Hepatitis B im Senegal (Diédhiou et al.), die Erfahrungen senegalesischer MSM nach der Haft (Sarr et al.), das Leben mit HIV nach dem 70. Lebensjahr in Kamerun (Essi et al.) sowie die Sexualpraktiken in serodifferenten Paaren in Togo (Djakpa et al.): sieben Beiträge, sieben Weigerungen, die epidemiologischen Daten von dem Kontext zu trennen, der sie hervorbringt.

Zum Abschluss – Namen, die genannt wurden

Die Abschlusszeremonie am Donnerstag liess kaum jemanden unberührt. Die Aktivist:innen von „Les Amis du Patchwork des noms“ entfalteten im Théâtre du Palais de Beaulieu ihre Quilts aus Stoffquadraten zu Ehren der an HIV/Aids verstorbenen Menschen und lasen laut Vornamen vor – die Namen derer, die die Epidemie dahingerafft hat. Seit 1989 hält dieser Verein die Erinnerung an die an Aids Verstorbenen lebendig, Quilt für Quilt, Vorname für Vorname. In einem Saal, in dem gerade vier Tage lang über ausbleibende Finanzmittel, brüchige Gesundheitssysteme und den bedrohten Zugang zu Behandlungen diskutiert worden war, erinnerte dieser Moment mit einer Prägnanz und einer Ausdruckskraft, die Reden nicht immer erreichen, daran, warum all dies so wichtig ist und warum wir gerade jetzt unsere Anstrengungen verdoppeln müssen.

Vollständiges wissenschaftliches Programm AFRAVIH 2026:
AFRAVIH 2026, 4 au 7 mai, Lausanne, Suisse – Programme

Weitere Informationen zu den „Ami.e.s du Patchwork“:  Les ami.e.s du Patchwork des noms

David Jacksom-Perry / Mai 2026

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