CROI 2026 Denver USA
Das „Annus horribilis 2025“ und Trumps Krieg gegen die Wissenschaft war Peter Staleys Thema an der Eröffnung der Konferenz. Staley ist Mitbegründer und Vorstandsvorsitzender von PrEP4All. Bekannt ist er für sein klares Mundwerk, für seinen Einsatz bei ACT UP und als Gründer der Treatment Action Group (TAG). Der ehemalige Wall Street Börsenhändler lebt seit 1985 mit HIV.
Staley erzählte, dass Wissenschaftler und Aktivisten in den Anfängen der HIV-Forschung nicht immer gut zusammenarbeiteten. Die Wissenschaftler waren von der Wut und den Forderungen der Aktivisten abgeschreckt, doch im Laufe der Zeit lernten beide Seiten voneinander. Die Aktivisten erwarben mehr wissenschaftliches Wissen, und die Wissenschaftler begannen, den Betroffenen zuzuhören. Die klinischen Studien wurden besser geplant und die Therapien wurden rascher zugänglich gemacht. Sie wurden zu Partnern, die gemeinsam auf dieselben Ziele hinarbeiteten.
Doch im Jahr 2025 stand diese Partnerschaft vor ihrer grössten Herausforderung seit Jahrzehnten.
Trumps „Krieg gegen die Wissenschaft“
Staley sagte, man hätte befürchtet, dass Trumps zweite Amtszeit schlimmer werden würde, aber niemand war darauf vorbereitet, wie schnell sich die Lage verschlechterte. Unmittelbar nach Trumps Amtseinführung rief der berühmte Wissenschaftler Dr. Anthony Fauci Staley an und fragte ihn, ob er davon gehört habe, dass das PEPFAR Programm eingestellt werde. Staley konnte es nicht glauben.
Es wurde alles noch viel schlimmer: Die Entwicklungbehörde USAID wurde aufgelöst, die PEPFAR-Finanzierung eingefroren, Forschungsstipendien gestrichen, und es kam zu einem Anstieg von Hass und Falschinformationen, insbesondere gegen Transgender-Personen. Der Senat bestätigte sogar den AIDS- und Impfstoffleugner Robert F. Kennedy Jr. als Gesundheitsminister. Elon Musk wurde in die Regierung berufen, er kürzte das 10-Milliarden-Dollar-Budget für HIV-Programme, während sein eigenes Vermögen in die Höhe schoss.
Als die PEPFAR-Finanzierung eingestellt wurde, mussten viele Organisationen ihre HIV-Präventions- und Behandlungsdienste sofort einstellen, wodurch vor allem in Afrika Millionen Menschen ohne Hilfe dastanden. Staley erinnerte sich daran, wie beängstigend es war, mit unbehandeltem HIV zu leben, und stellte sich vor, wie sich diese Angst auf Millionen von Menschen ausbreitete, die plötzlich die Hoffnung auf ihre Zukunft verloren hatten.
Einige Forscher versuchten, ihre Arbeit zu schützen, indem sie Begriffe wie „Vielfalt“ und „Chancengleichheit“ aus ihren Förderanträgen strichen, nachdem Trump Programme zur Unterstützung dieser Ideen verboten hatte. Das führte zur Streichung von Forschungszuschüssen in Höhe von 780 Millionen Dollar, von denen viele auf gesundheitliche Chancengleichheit ausgerichtet waren. Das Weglassen der Begriffe war eine Möglichkeit, Schaden zu begrenzen, wirkte aber auch wie ein Nachgeben.
Doch es gab auch Widerstand. Die American Public Health Association verklagte die NIH wegen der gestrichenen Fördermittel. Auch wenn sie vor dem Obersten Gerichtshof unterlagen, wurden einige Fördermittel wieder bewilligt und andere werden erneut geprüft. Hunderte von NIH-Mitarbeitern unterzeichneten die Bethesda-Erklärung und versprachen, sich für akademische Freiheit und evidenzbasierte Gesundheitspolitik einzusetzen. Einige Beamte traten sogar aus Protest zurück. Staley bezeichnete diesen Widerstand als einen der stolzesten Momente der Gemeinschaft.
Der Aktivismus ist noch immer lebendig. Proteste gegen die Impfpolitik von Kennedy Jr. erinnerten Staley an die Anfänge von ACT UP, einer berühmten Aktivistengruppe. Neue Gruppen wie „Stand Up for Science“, „Defend Public Health“ und die „Science and Freedom Alliance“ organisieren sich und wehren sich.
Dennoch glauben einige Wissenschaftler, sie könnten sich einfach aus der Politik heraushalten und abwarten, bis sich die Lage verbessert. Staley warnte, dass diese Haltung zwar weit verbreitet, aber nicht hilfreich sei.
Das Pendel wird zurückschwingen
Staley wies auf einige jüngste Erfolge hin: Es gab Gegenwehr gegen Kürzungen bei der Wissenschaftsfinanzierung, und die NIH sowie das NIAID haben tatsächlich mehr Geld erhalten. PEPFAR läuft, wenn auch angeschlagen, weiterhin. Er sagte, dass jeder dazu beitragen könne, die Wissenschaft zu verteidigen, selbst in kleinen Schritten, etwa indem man sich auf dem Laufenden hält und Aktivistengruppen unterstützt. Er ermutigte die Menschen, von künftigen Präsidentschaftskandidaten zu verlangen, dass sie versprechen, Programme wie USAID und PEPFAR wieder aufzubauen.
Staley schloss mit einem Vergleich der heutigen schwierigen Zeiten mit einem Tiefpunkt in der HIV-Geschichte, als die Welt-Aidskonferenz in Berlin 1993 schlechte Nachrichten über Behandlungsmöglichkeiten brachte. Doch nur drei Jahre später veränderten neue Medikamente alles und retteten Millionen von Menschenleben – darunter auch sein eigenes.
Er schloss mit der Überzeugung, dass sich die Lage verbessern werde, wenn die Menschen weiter für die Wissenschaft kämpften. Er ermutigte alle, sich auf die bevorstehenden Herausforderungen vorzubereiten und auf sich selbst zu achten, während sie sich auf den nächsten Kampf vorbereiten. „Lasst uns Strategien für den bevorstehenden Kampf entwickeln. ACT UP.“
Budgetkürzungen durch die US-Regierung
Eine weitere Sitzung befasste sich mit speziell mit diesem Thema. Dr. Jennifer Kates stellte die entscheidende Frage: „Welche Auswirkungen hat das auf die Menschen?“
Die Frage ist aber schwer zu beantworten. „Die Datensysteme, die zur Untersuchung der Auswirkungen zur Verfügung standen, wurden abgeschaltet “, sagte Kates. „Und selbst wenn dies nicht der Fall gewesen wäre, waren die Mitarbeiter, die auf die Informationen zugreifen konnten, nicht mehr da. Sie betonte die Bedeutung von Modellstudien, um eine genaue Momentaufnahme der aktuellen Situation und einen Ausblick auf die Zukunft zu erhalten.
Bevor der Republikaner George W. Bush den „Notfallplan des US-Präsidenten zur Bekämpfung von AIDS“ (PEPFAR) im Jahr 2003 ins Leben rief, erhielten in Subsahara-Afrika weniger als 50’000 Menschen eine antiretrovirale Therapie. Weltweit starben jährlich mehr als zwei Millionen Menschen an den Folgen von HIV. Nach fast 23 Jahren PEPFAR erhalten in Subsahara-Afrika 21 Millionen Menschen eine Behandlung, weltweit gibt es jährlich 600’000 HIV-bedingte Todesfälle. Zwar kann nicht der gesamte Erfolg der letzten zwei Jahrzehnte dem PEPFAR zugeschrieben werden, doch hat es sicherlich einen beträchtlichen Teil dazu beigetragen. Auch politisch war das PEPFAR einzigartig – in den USA genoss es traditionell eine solide parteiübergreifende Unterstützung.
Zwar blieb die Finanzierung von PEPFAR in den letzten Jahren im Wesentlichen unverändert, doch machte der Beitrag von 5 Milliarden US-Dollar immer noch massive 80 % aller internationalen Gebermittel für globale HIV-Massnahmen aus. Der Grossteil dieser Mittel – 91 % – floss direkt in die Länder südlich der Sahara.
Während die meisten dabei vor allem an HIV-Tests, Prävention, Behandlung und Pflege denken, flossen PEPFAR-Mittel auch in die Stärkung der Gesundheitssysteme, beispielsweise in den Aufbau und die Instandhaltung von Laborinfrastruktur und Datensystemen. Damit wurde sichergestellt, dass die Ressourcen die Menschen erreichen, die sie benötigen. Die Gesundheitsversorgung beschränkte sich zudem nicht auf HIV: Bereiche wie Tuberkulose, Gebärmutterhalskrebs und Vorsorgeuntersuchungen gegen geschlechtsspezifische Gewalt fielen ebenfalls in den Aufgabenbereich von PEPFAR, und es gab sozioökonomische Programme, darunter Geldtransfers und Ernährungshilfe. Ein Teil des immensen Erfolgs war ein ganzheitlicher, vielschichtiger Ansatz, der auf zahlreichen Ebenen wirkte, vom Einzelnen bis hin zum gesamten Gesundheitssystem. Man schätzt dass PEPFAR dank dieses Ansatzes unglaubliche 26 Millionen Menschenleben gerettet hat.
Dr. Ellen Brazier von der City University of New York stellte Daten aus einer Schnellumfrage unter Kliniken und Programmen in 32 Ländern vor, die vom Forschungskonsortium „International Epidemiology Databases to Evaluate AIDS“ (IeDEA) durchgeführt wurde.
Diese Umfrage umfasste sieben Regionen und wurde Mitte 2025 an 30 von PEPFAR finanzierte und 11 nicht von PEPFAR finanzierte Länder verschickt. Die Fragen der Umfrage bezogen sich auf Störungen in Bereichen wie HIV-bezogene Dienstleistungen, Verfügbarkeit von Medikamenten, Labordienstleistungen und Klinikbetrieb, die Behebung dieser Störungen zum Zeitpunkt der Umfrage sowie etwaige angewandte Strategien zur Schadensbegrenzung.
Insgesamt gingen Antworten aus den meisten der befragten Länder ein. Die meisten der antwortenden Einrichtungen befanden sich in Ländern, die zu Beginn des Jahres 2025 von PEPFAR unterstützt wurden. Fast die Hälfte berichtete von gewissen Beeinträchtigungen bei den HIV-Dienstleistungen:
- 28 % berichteten von Problemen bei der Verfügbarkeit von Medikamenten
- 34 % berichteten von Beeinträchtigungen bei Labordienstleistungen, beispielsweise bei Viruslasttests
- 47 % berichteten von Beeinträchtigungen im Klinikbetrieb: Unterstützung bei der Therapietreue, Patientennachverfolgung, Personal für die Aktenverwaltung und andere betriebliche Anforderungen.
Insgesamt hob Brazier die grosse Bandbreite bei der Bewältigung von Betriebsstörungen hervor: Während einige vollständig behoben wurden, würden die Auswirkungen des Personalverlusts – etwa bei Datenmanagern und anderem nicht-klinischem Personal – noch einige Zeit zu spüren sein. Diese nicht-klinischen Aufgaben, wie die Wartung von Laborgeräten und die Identifizierung von Patienten, die nicht zu Nachsorgeterminen erscheinen, sind nicht nur ergänzend – sie sind für die klinischen Aspekte der HIV-Versorgung unverzichtbar. In Bezug auf die klinischen Aspekte wurde der Verlust der HIV-PrEP für Bevölkerungsgruppen wie junge Frauen und Sexarbeiterinnen hervorgehoben.
Kaum Schweizer an der CROI
Die Schweizer Forschergemeinde war bisher immer in grosser Zahl an die CROI gereist. Fast alle blieben heuer zuhause und verfolgten die Konferenz online.
David Haerry / März 2026
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