Die HIV-Therapie als Jungbrunnen

Der Basler Infektiologe Philip Tarr leitet die Infektiologie am Kantonsspital Baselland und ist Mitglied des Scientific Board der Schweizerischen HIV-Kohortenstudie (SHCS). Dort steht er dem Core Project «Metabolism and Aging» vor. Er stiess in seinen Studien zum Thema Altern und HIV auf überraschende Ergebnisse: Die antiretrovirale Therapie hält nicht nur die Viren in Schach, sie sorgt auch dafür, dass man weniger schnell altert.

 

Wie bist du zum Forschungsgebiet «Altern mit HIV» gekommen?

Philip Tarr: Die Menschen, die mit HIV leben, werden immer älter: Seit etwa 2017 sind über die Hälfte der Teilnehmenden der Schweizerischen HIV-Kohortenstudie über 50 Jahre alt. Aus der Community weiss ich, dass das Alter ein wichtiges Thema ist und viele beschäftigt. Es sind oft Befürchtungen da, dass man schneller altert und öfter erkrankt – etwa an Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Osteoporose (Knochenschwund). Gerade diese Sorgen bedeuten Stress und können sich negativ auf die Gesundheit auswirken. Der Alterungsprozess bei HIV-Patienten ist also ein wichtiges Thema. Ich wollte dem nachgehen und habe mich gefragt, wie man messen kann, wie Patienten mit und ohne unterdrückte Virenlast altern.

Wie kann man Alterungsprozesse messen?

Früher wurden diese Prozesse primär anhand der Häufigkeit oder dem Alter beim ersten Auftreten von Osteoporose (Knochenschwund) oder von Herz-Kreislauferkrankungen ermittelt. Wir schlugen einen neuen Weg ein, denn wir wollten den Alterungsprozess selbst messen. Diesen kann man anhand der Länge der Telomere und der Epigenetik ermitteln.

Wie funktioniert das?

Telomere sind die Enden der Chromosomen. Sie verkürzen sich mit jeder Zellteilung und werden so im Laufe der Lebenszeit immer kürzer. Auch äussere Faktoren wie chronische Krankheiten, Stress, Rauchen oder Medikamente beeinflussen die Länge der Telomere.
Die Epigenetik beschäftigt sich mit Veränderungen an den Genen aufgrund von äusseren Einwirkungen. Äussere Einflüsse und das Altern selbst bewirken Veränderungen an unserer DNA: Es entstehen Anlagerungen an den Chromosomen, die messbar sind. Man kann also in unseren Zellen unser epigenetisches Alter messen. Aufgrund von äusseren Einflüssen weisen wir beispielsweise ein epigenetisches Alter von 65 auf, unser biologisches Alter ist jedoch erst 58 Jahre.

Du bist auf überraschende Ergebnisse gestossen. Was haben die Studien gezeigt?

Die Untersuchung der Telomerlänge hat gezeigt, dass sie nach der HIV-Ansteckung stark abnimmt. Mit Beginn der Therapie wird die Abnahme stark gebremst. Mit der Epigenetik sind präzisere Resultate möglich: Wir haben festgestellt, dass Menschen mit einer nicht-therapierten HIV-Infektion schneller altern – ungefähr 1.5 Jahre pro Kalenderjahr. Das lässt sich so erklären: Das Immunsystem läuft aufgrund der Vermehrung der HI-Viren auf Hochtouren, das belastet den Körper und lässt ihn schneller altern. Sobald aber die antiretrovirale Therapie (ART) einsetzt, hört das beschleunigte Altern auf. Es stellt sich sogar ein gegenteiliger Effekt ein. Anhand der epigenetischen Messungen haben wir festgestellt, dass Patient:innen aus der Schweizerischen Kohortenstudie pro Kalenderjahr im Durchschnitt lediglich zwischen 0,51 und 0,65 Jahre altern!

Das ist ja umwerfend. Die antiretrovirale Therapie ist also eine Verjüngungskur?

Man kennt tatsächlich keine andere Therapie, die den Alterungsprozess derart entschleunigt. Die wichtigste daran: Das ist eine positive Botschaft, die wir auch unter die Menschen bringen müssen. Nur allzu oft konzentriert man sich auf all die negativen Aspekte im Zusammenhang mit HIV – die Ängste um Gesundheit, Furcht vor Krankheit und so weiter. Wir sollten positive Resultate häufiger und besser kommunizieren.

Es gibt auch andere erfreuliche Botschaften. Die Häufigkeit von Knochenbrüchen aufgrund von Osteoporose sinkt bei Menschen mit HIV in der Schweizer Kohorte jedes Jahr um neun Prozent. Das zeigt eure letzte Studie. Woran liegt das?

Die Gründe sind vielfältig. Zum einen ist der durchschnittliche BMI gestiegen, was gut für die Knochen ist: Jedes zusätzliche Kilo ist Training und stärkt die Knochen. Eine dickere Fettschicht polstert, und so ist bei einem Sturz die Gefahr kleiner, sich etwas zu brechen.
Des Weiteren sind heutige Medikamente knochenfreundlicher: Therapien mit Tenofovir (TDF), die den Knochenabbau beschleunigen, werden heute kaum mehr verschrieben. Zudem nehmen die Patient:innen mehr und mehr Vitamin D und Calcium ein, was sich möglicherweise positiv auf die Knochendichte auswirkt.

Was bedeuten deine Studienresultate für die Zukunft?

Wir wollen andere zuverlässige und günstigere Methoden finden, um das Alter zu messen. Die Epigenetik ist sehr teuer, die Telomer-Messung ist günstiger, aber gilt mittlerweile als etwas veraltet und weniger präzis. Eine neue Methode ist die Proteomik – man misst Proteine im Blut. Wir wollen zudem ermitteln, wie das be- und entschleunigte Altern mit dem Risiko von Herz-Kreislauf- und Osteoporoserisiko zusammenhängt.

Was hat das für Auswirkungen auf den Umgang mit HIV in der Praxis?

Es ist äusserst wichtig, dass Menschen mit HIV möglichst schnell nach der Diagnose in die Therapie einsteigen. Leider sind viele HIV-Patient:innen der SHCS sogenannte «late presenter», sie machen den Test erst, wenn Symptome auftreten und die Zahl der T-Helferzellen stark gesunken sind. Der Grund ist oft die Angst vor einer positiven HIV-Diagnose. Das ist ein psychosozialer Aspekt, den man verändern können müsste. Den Menschen müsste die Angst vor einer positiven HIV-Diagnose genommen werden.

Ich kenne diese Angst. Ich denke, das ist eines der wichtigsten Dinge, die sich im Zusammenhang mit HIV verändern sollte. Auf jeden Fall freut es mich, dass ich derzeit täglich eine Verjüngungskur schlucke. Danke für das Interview!

Philip Tarr – Foto: Claudia Langenegger

Die Schweizerische HIV-Kohortenstudie (SHCS) wurde 1988 lanciert. Sie ist eine nationale, fortlaufende Beobachtungsstudie mit HIV-positiven Personen ab 16 Jahren. Sie basiert auf der multizentrischen und interdisziplinären Kollaboration aller Schweizer Universitätsspitäler, mehrerer Kantonsspitäler und spezialisierter Ärztinnen und Ärzte in der Praxis. Sie liefert seither wesentliche Erkenntnisse: An der Studie beteiligten sich bisher über 21’000 Menschen, die in der Schweiz mit HIV leben. Ihre Stärke: Sie schliesst alle Risikogruppen, schwangere Frauen und Kinder ein. Zudem verfügt sie über eine Biobank mit über 1,7 Millionen Plasma- und Zellproben, die gemeinsam mit klinischen Daten systematisch gesammelt wurden. Dies ermöglicht klinische und Grundlagenforschung für Menschen, die mit HIV leben, aber auch generelle Krankheitserforschung.

www.shcs.ch

Claudia Langenegger / März 2026

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