„LOVE. FUCK. HOPE.“

Schwarzes Bild.

Stimmen. Fragmente von Gesprächen. Lachen. Stühle werden verschoben.

Dann eine Stimme:
„Okay… let’s start with the first question.“

Aufblende.

Eine Wand. Grosses Papier. Darauf steht:
SEX

Eine Hand klebt einen Post-it daneben. Nahaufnahme.
„Offenheit.“
Eine andere Hand.
„Le plaisir partagé sans peur de transmettre.“
Noch eine.
„Self-love.“

Die Kamera bleibt ruhig. Hände tauchen ins Bild. Neue Zettel werden aufgeklebt. Man hört Stimmen aus dem Raum, aber man sieht die Menschen noch nicht richtig.

Jemand sagt:
„For me the biggest change was learning not to be afraid.“

Schnitt.

Neue Wand.
SHAME

Ein Zettel:
„I know shame but I don’t have it any longer.“
Ein anderer:
„Ich habe es sieben Jahre lang niemandem erzählt.“

Kurze Stille.

Schnitt.

Neue Wand.
JOY

Ein Zettel:
„Everything.“

Schnitt.

Ein anderer Zettel:
„Feeling free to discover my sexuality. My kinky side.“

Jemand lacht leise.

Schnitt.

Neue Wand.
ANGER

Ein Zettel:
„People still think I am a danger to them or society.“

Schnitt.

Neue Wand.
LOVE

Ein Zettel:
„Dank HIV habe ich Selbstliebe gefunden.“

Jetzt sieht man zum ersten Mal den Raum. Menschen sitzen im Kreis. Unterschiedliche Altersgruppen. Vier Sprachen mischen sich. Jemand liest einen Zettel laut vor. Jemand anders nickt. Jemand lacht.

Dann eine Stimme aus dem Off:
„I have been living with HIV for twenty years.
And I realized something strange.
There are almost no stories about what life with HIV looks like today.“

Pause.

Die Kamera fährt langsam über die Wand voller Post-its. Dutzende Stimmen. Farben.

Aus dem Off:
„So we started asking a simple question.
What does it actually mean to live with HIV today?“

Die Szene oben ist kein Film. Sie ist real.

Sie entstand während eines Retreats in Bern. Etwa 25 Menschen aus der ganzen Schweiz die mit HIV leben, kamen zusammen, um ihre Erfahrungen zu teilen und gemeinsam darüber nachzudenken, was es heute bedeutet, mit HIV zu leben.

Frauen und Männer waren da, Menschen unterschiedlicher Generationen und mit ganz verschiedenen Lebensrealitäten. Eine Person war dabei, von deren HIV-Status selbst die eigenen Kinder nichts wissen. Eine andere traf an diesem Tag zum ersten Mal überhaupt andere Menschen mit HIV, obwohl sie selbst schon seit vielen Jahren damit lebt. Und eine dritte spricht ganz offen darüber, um dem Verschweigen keinen Raum mehr zu lassen.

Einige leben erst seit wenigen Jahren mit HIV, andere seit Jahrzehnten – auch das prägte den Austausch.

Organisiert wurde das Treffen von der Berner Journalistin Claudia Langenegger und mir. Gemeinsam entwickeln wir ein Spielfilmprojekt über das heutige Leben mit HIV. Bis vor Kurzem trug es den Arbeitstitel „Love Undetectable“, inzwischen denken wir es unter dem Titel LOVE. FUCK. HOPE. weiter.

Ich selbst lebe seit zwanzig Jahren mit HIV. Lange hatte ich das Gefühl, dass sich diese Realität in der Welt kaum widerspiegelt. Im Kino erscheint HIV bis heute oft vor allem in Erzählungen über die frühen Jahre der Epidemie. Doch das Leben mit HIV heute sieht anders aus.

Aus diesem Bedürfnis entstand die Idee zu diesem Film, der zusammen mit Menschen aus der Community entstehen soll.  Schon nach kurzer Zeit wurde klar: Die Geschichten sind unterschiedlich, manchmal widersprüchlich – und doch kehren bestimmte Themen immer wieder.

Beim Thema Sexualität schreiben manche zunächst nur einzelne Worte auf ihre Zettel: „Offenheit“, „Ehrlichkeit“, „Sicherheit“, „Selbstliebe“. Andere formulieren es direkter. Sexualität erscheint hier nicht nur als Ort von Risiko, sondern auch von Lust, Nähe und Vertrauen. Mehrere Stimmen beschreiben einen Weg: von Unsicherheit und Tabu hin zu immer mehr Freiheit und Selbstverständlichkeit.

Wissen spielt dabei eine grosse Rolle: Wissen über Therapie, über U=U, über medizinische Entwicklungen – und auch darüber, wie gut das Gegenüber informiert ist.

Mehrere Zettel kreisen um dieselbe Frage: Warum wird HIV noch immer anders behandelt als andere Krankheiten?

Ein Zettel formuliert es so:

„What is normal? Who decides what is normal?“

Medizinisch ist heute vieles klar. Menschen mit HIV können ein langes, stabiles Leben führen. Und doch bleibt HIV gesellschaftlich oft mit Angst, Unwissen und moralischen Vorstellungen verbunden.

Neben schwierigen Erfahrungen tauchen auch überraschend viele positive Veränderungen auf. Andere Zettel sprechen davon, jeden Tag intensiver zu leben und dem eigenen Leben mit mehr Authentizität zu begegnen:

„De vivre chaque jour intensément.“

Oder:

„My desire to live fully and with authenticity.“

Für einige wurde die Diagnose zu einem Moment, der den Blick auf das eigene Leben verändert hat. Manchmal entstand daraus sogar Erleichterung.

„Ja, die Diagnose war eine Erleichterung nach Wochen und Monaten der Angst.“

Ein anderer Zettel bringt dieselbe Bewegung in eine radikal knappe Form:

„The worst thing already happened.“

Doch natürlich gibt es auch Wut. Wut über Stigma, über Vorurteile und über mangelnde Information.

Oder, wie ein anderer Zettel es formuliert:

„Zu viele Menschen mit HIV haben Angst, sich zu zeigen.“

Viele der Zettel zeigen, wie eng Stigmatisierung bis heute mit fehlendem Wissen über HIV und über heutige Therapieformen verbunden ist.

Und dann ist da noch ein Thema, das sich durch viele Zettel zieht: Liebe. Vor allem Selbstliebe.

Ein anderer Zettel formuliert es so:

„Alles beginnt mit Selbstliebe.“

Manche schreiben auch von Verletzlichkeit, davon, sich zeigen zu können, ohne sich verstecken zu müssen.

Und schliesslich taucht etwas auf, das man vielleicht nicht sofort erwarten würde: Humor. Auch er gehört zum Leben mit HIV.

Ein Teilnehmer schreibt:

„When I realised that I’d had more and better sex since having HIV.“

Der Satz bringt einige im Raum zum Lachen.

Am Ende bleibt eine Wand voller Post-its zurück. Viele kleine Zettel, viele Perspektiven. Und die Erkenntnis: Es gibt nicht die eine Erfahrung mit HIV. Aber es zeigen sich gemeinsame Linien – zwischen Angst und Freiheit, zwischen Wut und Humor, zwischen Verletzlichkeit und Selbstliebe.

Aus diesen Stimmen heraus soll LOVE. FUCK. HOPE. entstehen: ein Film, der zeigt, wie vielfältig das Leben mit HIV heute ist – jenseits der Bilder, die bis heute vor allem aus der Vergangenheit stammen.

Solche Projekte entstehen jedoch nicht von selbst. Die Aids-Hilfe Schweiz hat einen kleinen Entwicklungsbeitrag geleistet, doch es bleibt erstaunlich schwierig, für einen Film über das heutige Leben mit HIV Unterstützung und Finanzierung zu finden. Vielleicht auch deshalb, weil HIV in der öffentlichen Vorstellung noch immer entweder als Tragödie vergangener Jahrzehnte erscheint oder als medizinisch gelöstes Thema – und damit kulturell nicht mehr dringlich.

Genau darin liegt die Dringlichkeit dieses Projekts. Solange es kaum Bilder und Erzählungen darüber gibt, wie Menschen heute mit HIV leben, lieben, zweifeln, lachen und ihren Platz in der Welt finden, bleiben auch die gesellschaftlichen Vorstellungen darüber alt. Neue Bilder zu schaffen ist deshalb auch eine gesellschaftliche Aufgabe.

Claudia Langenegger und ich arbeiten derzeit daran, die vielen Ideen und Erfahrungen aus dem Retreat weiterzuentwickeln. Nach dem Sommer planen wir einen weiteren Workshop, in dem diese Ansätze gemeinsam vertieft werden sollen.

Wer Interesse hat, am nächsten Workshop teilzunehmen oder das Projekt mit Ideen, Kontakten oder möglichen Fördermöglichkeiten zu unterstützen, darf sich sehr gerne melden. Wir freuen uns!

Kontakt: j.tedeschi@pm.me

Janos

Janos Tedeschi / März 2026

Weitere Themen

Neues Gesetz gegen Homosexuelle in Senegal

Das senegalesische Parlament hat ein neues Gesetz verabschiedet, das die Höchststrafe für sexuelle Handlungen zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren auf zehn Jahre verdoppelt und die „Förderung“ von Homosexualität unter Strafe stellt. Die Massnahme wurde von 135 Abgeordneten unterstützt, keiner stimmte dagegen, während drei sich der Stimme enthielten. Als nächster Schritt muss der Präsident das Gesetz unterzeichnen.

Weiterlesen

CROI 2026 Denver USA

Das „Annus horribilis 2025“ und Trumps Krieg gegen die Wissenschaft war Peter Staleys Thema an der Eröffnung der Konferenz. Staley ist Mitbegründer und Vorstandsvorsitzender von PrEP4All. Bekannt ist er für sein klares Mundwerk, für seinen Einsatz bei ACT UP und als Gründer der Treatment Action Group (TAG). Der ehemalige Wall Street Börsenhändler lebt seit 1985 mit HIV.

Weiterlesen