Neue Therapien und neue Hoffnungen: Drei wichtige Signale von der CROI 2026
Ende Februar trafen sich Forschende, Ärztinnen, Aktivisten und Community-Vertreter aus der ganzen Welt in Denver (USA) zur Conference on Retroviruses and Opportunistic Infections (CROI) 2026. Diese Konferenz gehört zu den wichtigsten wissenschaftlichen Treffen im Bereich HIV. Jedes Jahr werden dort neue Studien zu Therapie, Prävention und Grundlagenforschung vorgestellt.
Auch dieses Jahr standen viele Themen auf dem Programm: lang wirkende Medikamente, neue Strategien für Prävention und Diskussionen über die Zukunft der globalen HIV-Programme. Doch neben diesen grossen Themen gab es auch einige Ergebnisse, die besonders interessant waren, weil sie zeigen, in welche Richtung sich die HIV-Forschung entwickeln könnte.
Drei Signale von CROI 2026 stechen besonders hervor: Das Immunsystem von Menschen mit HIV könnte robuster sein als lange gedacht. Neue Therapien könnten einfacher werden. Und für Menschen, die seit Jahrzehnten mit HIV leben, könnten Behandlungen endlich wieder leichter werden.
Eine überraschende Beobachtung aus der Immunologie
Viele Jahre lang ging die Forschung davon aus, dass das Immunsystem von Menschen mit HIV dauerhaft geschwächt bleibt, selbst wenn das Virus mit Medikamenten gut kontrolliert wird. Besonders betroffen sind dabei die sogenannten CD8-T-Zellen. Diese Immunzellen spielen eine zentrale Rolle im Kampf gegen Viren, weil sie infizierte Zellen erkennen und zerstören können.
Frühere Studien zeigten jedoch häufig, dass diese Zellen bei Menschen mit HIV einen sogenannten „erschöpften“ Zustand erreichen. Wissenschaftler sprechen hier von T-cell exhaustion. Das bedeutet, dass die Zellen zwar noch vorhanden sind, aber nicht mehr effektiv gegen das Virus arbeiten können. Diese Beobachtung führte zu der verbreiteten Annahme, dass HIV langfristig eine dauerhafte Schwächung des Immunsystems verursacht.
Eine Präsentation auf der diesjährigen CROI stellte dieses Bild jedoch teilweise in Frage. Der Immunologe Victor Appay untersuchte Menschen, die seit sehr langer Zeit erfolgreich mit antiretroviraler Therapie behandelt werden – teilweise seit mehr als 25 oder sogar 30 Jahren. Die Forscher analysierten dabei sehr genau die Eigenschaften der HIV-spezifischen CD8-T-Zellen.
Das Ergebnis war überraschend: Anstatt Zeichen von Erschöpfung zu zeigen, wiesen viele dieser Zellen Eigenschaften auf, die man eher bei früheren Entwicklungsstadien des Immunsystems sieht. Einige Zellen zeigten sogar Merkmale sogenannter „stammzellähnlicher“ Immunzellen – also Zellen, die sich teilen können und neue funktionelle Immunzellen hervorbringen.
Diese Beobachtung deutet darauf hin, dass sich das Immunsystem bei langfristig behandeltem HIV möglicherweise teilweise erneuern kann. Ältere, erschöpfte Zellklone könnten im Laufe der Zeit durch neue, leistungsfähigere Zellen ersetzt werden. Wenn sich diese Ergebnisse bestätigen, hätte das wichtige Konsequenzen für die Forschung an HIV-Heilungsstrategien, die darauf basieren, dass das Immunsystem aktiv gegen infizierte Zellen vorgehen kann.
Kann man das Immunsystem trainieren? Die RIO-Studie
Ein weiteres interessantes Signal kam aus der sogenannten RIO-Studie, die sich mit neuen Ansätzen der HIV-Heilungsforschung beschäftigt. In dieser Studie erhielten Teilnehmer zwei sogenannte breit neutralisierende Antikörper. Diese Antikörper können bestimmte Strukturen des HI-Virus erkennen und blockieren.
Die Idee hinter diesem Ansatz geht jedoch über die direkte Blockade des Virus hinaus. Forschende hoffen, dass solche Antikörper dem Immunsystem helfen können, HIV besser zu erkennen und eine stärkere eigene Immunantwort aufzubauen – gewissermassen eine Art Training für das Immunsystem.
In einem Teil der Studie wurde unter strenger medizinischer Kontrolle eine Therapiepause durchgeführt. Normalerweise kehrt das Virus nach Absetzen der Behandlung innerhalb weniger Wochen zurück. In der RIO-Studie zeigte sich jedoch bei etwa der Hälfte der Teilnehmer ein anderes Bild: Das Virus brauchte deutlich länger, um wieder nachweisbar zu werden, und in einigen Fällen stieg die Virusmenge langsamer an als erwartet.
Besonders bemerkenswert war, dass dieser Effekt auch dann noch beobachtet wurde, als die verabreichten Antikörper bereits weitgehend aus dem Körper verschwunden waren. Das deutet darauf hin, dass der Effekt möglicherweise nicht nur durch die Antikörper selbst verursacht wurde, sondern durch Veränderungen im Immunsystem der Teilnehmer.
Die Studie zeigt nicht, dass HIV geheilt werden kann. Alle Teilnehmer mussten ihre Therapie wieder aufnehmen. Doch sie liefert Hinweise darauf, dass das Zusammenspiel zwischen Virus und Immunsystem möglicherweise beeinflussbar ist – ein wichtiger Gedanke für zukünftige Heilungsstrategien.
Zwei Medikamente statt drei – ein neuer Therapieansatz
Ein weiteres wichtiges Thema auf der Konferenz war die Weiterentwicklung der HIV-Therapie. Die Standardbehandlung besteht heute in der Regel aus drei Wirkstoffen, die gemeinsam dafür sorgen, dass das Virus zuverlässig unterdrückt wird und Resistenzen verhindert werden.
In den letzten Jahren wurden zunehmend auch Zwei-Medikamente-Therapien entwickelt. Einige davon werden bereits eingesetzt, häufig in Kombination mit sehr starken Integrase-Inhibitoren wie Dolutegravir. Diese Medikamente gelten als besonders potent und haben eine hohe Resistenzbarriere.
Die auf der CROI vorgestellte Studie zur Kombination Doravirin und Islatravir (DOR/ISL) geht jedoch einen etwas anderen Weg. Hier handelt es sich nicht um einen Integrase-Inhibitor, sondern um eine Kombination aus einem NNRTI (Doravirin) und einem neuartigen Wirkstoff (Islatravir). In der Studie wurde diese Therapie bei Personen getestet, die gerade erst mit der HIV-Behandlung beginnen.
Die Ergebnisse zeigten, dass diese Zwei-Medikamente-Therapie das Virus ähnlich zuverlässig kontrollieren konnte wie eine moderne Standardtherapie mit drei Wirkstoffen. Besonders interessant ist dabei, dass diese Kombination ohne Integrase-Inhibitor auskommt und damit eine mögliche Alternative für Menschen darstellen könnte, die diese Medikamente nicht vertragen oder nicht einnehmen können.
Solche Ergebnisse erweitern die therapeutischen Möglichkeiten und zeigen, dass die HIV-Behandlung möglicherweise flexibler gestaltet werden kann als lange angenommen.
Die oft vergessene Patientengruppe
Neben neuen Therapien für frisch diagnostizierte Menschen richtete eine weitere Studie den Blick auf eine Gruppe, die in der Diskussion über moderne HIV-Behandlung oft übersehen wird: Menschen, die seit vielen Jahren mit HIV leben und heute noch sehr komplexe Therapien einnehmen müssen.
Viele von ihnen begannen ihre Behandlung in einer Zeit, in der HIV-Medikamente weniger wirksam und schwerer verträglich waren. Im Laufe der Jahre mussten sie häufig mehrere Therapieversuche durchlaufen, teilweise auch wegen Resistenzentwicklungen. Irgendwann fand man eine Kombination, die das Virus erfolgreich unter die Nachweisgrenze brachte. Doch diese Therapien bestehen oft aus mehreren Medikamenten und müssen manchmal sogar mehrmals täglich eingenommen werden.
Solche komplexen Behandlungsregime werden in der Praxis oft nicht verändert. Solange das Virus unter Kontrolle ist, scheuen Ärzte und Patienten verständlicherweise das Risiko eines Therapiewechsels, der möglicherweise zu neuen Resistenzen oder einem Therapieversagen führen könnte. Dadurch bleiben viele Menschen über Jahre oder sogar Jahrzehnte auf komplizierten Therapien – auch wenn diese den Alltag stark belasten.
Die ARTISTRY-1-Studie untersuchte deshalb, ob solche Therapien vereinfacht werden können. Teilnehmer wechselten von ihren bisherigen komplexen Regimen zu einer einmal täglich einzunehmenden Ein-Tabletten-Therapie mit Bictegravir und Lenacapavir.
Die Ergebnisse waren ermutigend. Die Virusunterdrückung blieb stabil, und gleichzeitig berichteten viele Teilnehmer über eine höhere Zufriedenheit mit ihrer Behandlung. Für Menschen, die seit vielen Jahren mit komplizierten Therapien leben, kann eine solche Vereinfachung einen grossen Unterschied im Alltag bedeuten.
Ein vorsichtiger Blick in die Zukunft
Die Ergebnisse von CROI 2026 zeigen also wichtige Fortschritte: Das Immunsystem von Menschen mit HIV könnte robuster sein als lange gedacht. Neue Therapien könnten einfacher werden – und für Menschen, die seit Jahrzehnten mit HIV leben, könnte die Behandlung leichter werden.
In der HIV-Forschung entstehen Veränderungen meist Schritt für Schritt. Genau solche Schritte waren auf der diesjährigen CROI zu sehen.
Alex Schneider / März 2026
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