Wo bleibt das neue nationale HIV-Hepatitis-Programm des Bundesamts für Gesundheit?

Geplant war es für den Jahresbeginn 2022. Zu diesem Zeitpunkt sollte das neue nationale HIV-Programm in Kraft treten. Vorbereitende Workshops mit Stakeholder fanden schon im Winter 2019/2020 statt. Dann kam Corona. Wo nun das nationale Programm steht und wann es implementiert werden soll, ist ungewiss.

Warum ist das wichtig? Das nationale HIV-Programm stützt sich auf das Epidemiengesetz. Es regelt und koordiniert auf nationaler Ebene die Bekämpfungsmassnahmen für HIV und weitere sexuell übertragbare Infektionskrankheiten. So ist zum Beispiel sichergestellt, dass die jährliche LOVE LIFE-Kampagne für die Allgemeinbevölkerung durchgeführt wird. Oder dass eine Testwoche für Männer, die Sex mit Männern haben, aus Mitteln des Bundesamts für Gesundheit finanziert werden kann. Das aktuell gültige Programm ist seit 2011 in Kraft. Es wurde im Jahr 2017 schon einmal um vier Jahre verlängert. Nun läuft es Ende des Jahres endgültig aus.

Geplant ist, dass im nächsten Programm auch die Bekämpfung von Hepatitis B und C integriert werden soll. Das ist zumindest der politische Wille, wie er in einer Motion zum Ausdruck kommt, die im letzten Jahr vom Parlament angenommen wurde. Der Luzerner Ständerat Damian Müller fordert darin, dass Eliminationsziele für die Viruserkrankungen Hepatitis B und C, die gemäss der Weltgesundheitsorganisation WHO bis 2030 als Last für die öffentliche Gesundheit verschwinden sollen, aufgenommen werden. Das entspricht auch den Forderungen, die der Verein Hepatitis Schweiz und wir selber seit vielen Jahren immer wieder an das Bundesamt für Gesundheit herantragen.

Schützenhilfe bekommt die Politik von den Fachleuten der eidgenössischen Kommission für Fragen zu sexuell übertragbaren Infektionen EKSI. Diese Kommission, die den Bundesrat berät, hat im Jahr 2019 eine Roadmap zur Elimination von HIV und Hepatitis veröffentlicht. Es ist eine ausgezeichnete Grundlage für das nächste nationale HIV- und Hepatitis-Programm.

Das laufende Programm entspricht den heutigen Realitäten in keiner Weise. Es wurde vor mehr als 12 Jahren entwickelt. Damals war die Präexpositionsprophylaxe (PrEP) kein Thema, heute ist sie wohl die wirksamste Waffe gegen HIV. Ohne neues Programm fehlen uns die strategischen Ziele beim Einsatz einer PrEP. Wir sollten zum Beispiel verstehen, warum sich Menschen trotz verfügbarer PrEP mit HIV infizieren, wir sollten wissen, welche Zugangshürden zur PrEP am wichtigsten sind, wir sollten wissen, welche Massnahmen wir brauchen um Neuansteckungen zu vermeiden. Mit anderen Worten: Wir dürfen nicht jährlich Millionen für die HIV-Prävention verpulvern, ohne zu wissen was wir damit erreichen wollen.

Auch für Hepatitis C war die Ausgangslage vor 10 Jahren eine ganz andere:

Die verfügbaren Interferontherapien waren langwierig, mit vielen Nebenwirkungen verbunden und wiesen eine Erfolgsrate von gerade mal 50 Prozent auf. Das hat sich grundlegend geändert. Heute sind für alle Menschen mit einer chronischen Hepatitis C antivirale Therapien verfügbar, die Hepatitis C in wenigen Wochen und fast ohne Nebenwirkungen in über 96 Prozent der Fälle heilen können. Zusammen mit einer Ausweitung der Hepatitis-B-Impfung macht dies eine Elimination von viraler Hepatitis realistisch.

Alarmierend ist, dass sich das BAG nach wie vor gegen eine gleichberechtigte Integration sträubt. In einem Artikel in der Sonntagszeitung lässt sich das BAG wie folgt zitieren:

«Es ist nicht vorgesehen, die ganze Hepatitis-C- oder -B-Prävention integral ins HIV-Programm aufzunehmen. Hepatitis C wird im engeren Sinn nicht zu den sexuell übertragbaren Krankheiten gezählt».

Die amtliche Blockadehaltung ist inakzeptabel. Zum ersten untergräbt sie den politischen Willen des Parlaments. Zum zweiten entspricht das künstliche Trennen von Infektionskrankheiten, die sich einfach gemeinsam bekämpfen lassen, nicht einem ganzheitlichen Verständnis von öffentlicher Gesundheit. Die integrierte Bekämpfung von viraler Hepatitis zusammen mit HIV wird der Elimination beider Erkrankungen einen Schub geben.

Es braucht deshalb so rasch wie möglich ein neues nationales Programm zur Bekämpfung von HIV, Hepatitis und weiteren sexuell übertragbaren Infektionen. Die Schweiz verpasst sonst eine einmalige Chance – und schadet damit der Bevölkerung.

Bettina Maeschli und David Haerry / August 2021

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