The Guest – der neue Film von Janos Tedeschi

Zum Welt-Aids-Tag am 1. Dezember 2023 präsentierte ich am Positive Life Festival in Lausanne einen Kurzdokumentarfilm über meine Geschichte mit HIV. Das von Positivrat-Vorstandsmitglied David Jackson-Perry gegründete Festival hatte zum Ziel, neue Bilder rund um das Leben mit HIV im Heute zu schaffen.

Ob mir das mit ‘The Guest‘ gelungen ist, kann ich nicht schlüssig beantworten – da bin ich zu nahe dran – doch ich erzähle meine Geschichte mit vollkommener Offenheit und Verletzlichkeit. Die teils sehr persönlichen Reaktionen auf den Film waren auf jeden Fall äusserst stark und zeigen, dass das Thema viel auslöst – auch bei Menschen, die nicht direkt betroffen sind. Vielleicht ist es mir in der Tat gelungen, einen Film zu machen durch den sich das Publikum in Gesprächen und Erfahrungen wiederfindet, die nichts mit HIV – und doch alles mit HIV zu tun haben.

Für mich persönlich war das Projekt in der Tat es eine Art ‚Exorzismus‘ und letztlich sehr kathartisch. Mit einem ‚Werkbeitrag‘ hilft mir der Positivrat nun, den Film ein Stückchen weiterzuentwickeln. Hierfür bin ich sehr dankbar. Ziel ist die Erarbeitung eines abendfüllenden Dokumentarfilms, der auch die Perspektiven anderer Betroffenen miteinbaut. Um dies zu ermöglichen, suche ich nun private Unterstützer und Stiftungen. Es gibt bereits eine momentan 16-minütige Rohfassung des Films. Ich freue mich immer auf weitere Rückmeldungen und Inputs.

„Ich weiss gar nicht, wie ich beschreiben soll, was ich beim Ansehen deines Films empfunden habe. Ich habe mehrmals geweint bei den Worten, die du verwendet hast, oder bei denen, die „dein Virus“ gesagt hat. Davor wegzulaufen, sich ihm zu stellen, es in gewisser Weise zu akzeptieren und es sich zu eigen zu machen – oder, wie du sagst, ihm einen Platz in uns, in unserem Leben zu geben; dieser Weg wurde wirklich gut geteilt und empfunden. Ich danke dir für deine Ehrlichkeit und deinen Mut. Und ich danke dir auch für dein Kino. Ich möchte etwas mit dir teilen: Als ich von meiner Infektion erfuhr, konnte ich nicht mehr in meinem Kinderzimmer schlafen. Es tat mir weh, all die Gegenstände zu sehen, die mit mir aufgewachsen sind und Spuren von mir als Kind darstellten. Ich hatte das Gefühl, dieses Kind verraten zu haben. Ich brauchte viel Zeit, um mich mit mir selbst zu versöhnen. Bis heute habe ich das Gefühl, dass ich vor dem Kind in mir eine Superfrau sein muss, um meinen Schmerz zu kompensieren. Daran erinnert mich dein Film.“ — Danielle (Beirut)

“Eine Wucht diese Viertelstunde, Bewegung in der Bewegung, die reinzieht, rausschmeisst, mich in deinem Rhythmus in extrem unterschiedliche Gefühlslagen versetzt, immer höchste Aufmerksamkeit und Empathie verlangend. Bilder, Aussagen, Kompositionen, die extrem bewegen und berühren. Ich war ganz und gar bei dir. Ich habe den Film jetzt zum x-ten Mal geschaut, finde immer wieder Neues und empfinde es als wunderbare Gabe und aus künstlerischer Sicht als Übernahme einer grossen Verantwortung, was du der Betrachterin, dem Betrachter anbietest. Ich fühle mich geehrt, teilhaben zu dürfen an derart (über)lebenswichtigen Entwicklungen. Selbstverständlich setzen derart starke Bilder auch eigene Gedanken zu einer schwierigen Diagnose (in meinem Fall eine Leukämie) und deren Verarbeitung in Gang. Selber empfinde ich, dass künstlerisches Tun enorm hilfreich, zukunftsgerichtet und sinnstiftend sein kann.” — Inge (Schweiz)

„Ich bin wirklich gerührt und dankbar, dass du deine Geschichte mit der Welt teilst. Das ist so schön und inspirierend. Es ist ein so mutiges Filmemachen. Ich persönlich denke, dass dieser Film nichts mit HIV zu tun hat. Es geht um jemanden, der seine Lebensgeschichte unverblümt, ganz ehrlich und verletzlich erzählt. Man hätte genauso gut darüber sprechen können, dass man in der Schule gemobbt wird, dass man schwul ist, dass man schwarz ist, dass man Künstler ist, dass man auf dem Spektrum steht oder dass man jemanden verloren hat. Es hätte dieselbe Wirkung gehabt. Du hast dich entschieden, dich selbst ins Rampenlicht zu stellen, und das auf so wunderbare Weise inszeniert. Ich denke, das ist das Schönste und Bedeutendste, was man als Künstler tun kann.“ — Marko (Kroatien)

“Danke für den Einblick in Deine Geschichte und wie Du diese Zeit der Dunkelheit erfahren hast. Weil ich selbst – zwar früher als Du – Ähnliches erlebt habe, geht mir das sehr nahe. Wichtig scheint mir, dass Du jetzt wieder lebst und Dein Leben selbst gestalten kannst. Empfinde die Vergangenheit nicht als eine Last, sondern als eine Erfahrung, die zwar für dich eine grosse Bedrohung war, aus der Du Dich aber befreit hast. Du schreibst, Sexualität und Liebe, und auch Dein wahres Ich, hätten keinen Platz mehr gehabt. Ich wünsche Dir, dass auch das wieder zu Deinem Leben gehört.” — Hansruedi 

„In Mexiko sagen wir: Hijole cabron! Das war ziemlich stark. Ein grosser Auftritt für einen kleinen Film. Ich muss sagen, die deutsche Sprache hat etwas, das für mich wahr klingt. Wenn ich Deutsch höre, hat das in meiner persönlichen und kulturellen Wahrnehmung eine unerwünschte, invasive Brutalität. Eine laute und lästige Einmischung – eine Erinnerung daran, dass das Leben gefahrenreich ist und jeden Moment von zerstörerischen, äusseren Kräften eingenommen werden kann. Letztendlich glaube ich, dass wir uns selbst und all die unerwünschten Teile von uns  akzeptieren müssen – sie sind da, ob wir sie mögen oder nicht. Wie wir interpretieren, was sie für uns bedeuten, ist eine Entscheidung, eine soziale Konstruktion. Ich erinnere mich, dass ich mich mit 15 geoutet habe und mit 14 nur wünschte, es würde verschwinden. Der innere Kampf zwischen den falschen Ansichten der Gesellschaft über das Schwulsein und meinem eigenen Stolz darauf bedeutete wirklich eine Identitätskrise. Dann musste ich diesen Kampf erneut durchmachen, weil ich HIV-positiv bin. Vielleicht ist es ein lebenslanger Prozess für diejenigen von uns, die sich verwandeln – um alle Teile von uns zu akzeptieren. Ich denke, dieser kleine Film hat einen grossen künstlerischen Wert. Ich gratuliere.“– Winston (Los Angeles

“Ganz ehrlich, mein erster Impuls war, grossartig, und: mach ein Theaterstück draus! Hast du Lust? Und damit meine ich nicht, keinen Film zu machen! Aber ich kann mir das total gut auch auf der Bühne vorstellen.”– Petra (Berlin)

„Der Film ist einfach ganz aussergewöhnlich! Ich habe deinen Schmerz durch meine tränenfeuchten Augen gespürt. Ich sehe einen Mann der Hoffnung, der Traurigkeit, der Überzeugungen und einen, der sich von all dem befreien will. Ich sehe, wie schwer das für dich ist und wie wichtig es ist, die eigenen Erfahrungen mit der Krankheit darzustellen! Auch bei mir hat dieser Film einige Wunden aufgerissen, wie die Erinnerung an den Tag, an dem mein Mann mir von seiner Diagnose erzählte. Natürlich hatte ich den grössten Teil der Aids-Krise in den 80er-Jahren miterlebt. Mein erster Partner starb an der Krankheit. Und dann zwanzig Jahre später mein Mann, der sein Bestes tat, um auf liebevolle Weise auszudrücken, dass er jetzt „nicht nachweisbar“ sei. Ich wusste nicht, warum er mir das immer wieder sagte. Wir hatten keinen Sex mehr, weil ich es so wollte, und ich habe ihm nie gesagt, warum. Aber es war ein völliger Mangel an Wissen meinerseits, dass ich ein normales Sexualleben mit ihm wieder aufnehmen könnte. Doch ich tat es nicht. Ich habe es nicht verstanden. Ich habe immer noch Schuldgefühle, weil ich es nicht verstanden habe. Dass ich ihn nicht bedingungslos geliebt habe. Unsere Liebe war tief, und da wir keinen Sex hatten, sondern ich nur gelegentlich von ihm gestreichelt wurde, konnte ich mich nicht dazu durchringen, mich ganz auf ihn einzulassen. Wieder meine Unwissenheit. Das muss ihn sehr verletzt haben! Es wäre in Ordnung gewesen, mit dem Sex fortzufahren, aber es hatte sich bereits so tief in meinem Gehirn verankert. Ich hatte keine anderen Vorstellungen, als dass Aids gleichbedeutend mit Tod ist. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie er mit der fehlenden Liebe durch Sex und meiner Scheu davor umgegangen sein muss. Ein Teil meiner Trauer über seinen Tod hatte zwar nichts mit Aids oder HIV zu tun, aber ich fühlte mich schuldig, weil ich ihn nicht voll und ganz geliebt hatte. Ich weiss, dass ich ein weiches Herz habe und besser verstehe, was ich in dieser Zeit nicht geben konnte. Ich weiss es jetzt besser, und es macht mir keine Angst mehr. Du hast mit diesem Film etwas ganz Besonderes geschaffen!“ — Robin (New Mexico)

“Ich finde, das ist ein sehr berührender, gelungener Film, um etwas sehr Vielschichtiges fassbar und sichtbar zu machen und es von der sehr persönlichen Seite auf etwas Übergeordnetes, dem Thema HIV als tödliche Bedrohung Innewohnendes (im Kontext von Homosexualität), zu heben. Damit sich dort alle wiederfinden, die mit Ähnlichem einen Umgang finden wollen. Habe es als Möglichkeit verstanden, sich mit sich selber auseinanderzusetzen. Es ist sehr persönlich und zieht den Betrachter mit sich.”– Heribert (Schweiz)

„Ich sehe mich selbst in jeder Einstellung des Films. Ich konnte nicht aufhören, mich mit deinem Kampf zu identifizieren. Die Einladung zu tiefster Intimität scheint das Leitmotiv deiner gesamten Arbeit zu sein. Der Wunsch, dein Publikum als „die anderen“ verschwinden zu lassen und es in deine Intimität einzutauchen zu lassen, es ohne jegliche Einführung direkt in die Tiefen deiner Gedanken und Widersprüche, Kämpfe, aber auch in deine rohe Stärke und deinen waghalsigen Ansatz zur psychischen Gesundheit und zum Weg der „Heilung“ zu ziehen – der nicht nur der deine ist, sondern notwendigerweise auch der meine und der aller anderen Zuschauenden. […] Dein Film ist ein Versuch, die Menschen zum Fühlen und nicht zum Denken zu bringen. Es ist eine persönliche Geschichte, aber eine, in der deine individuellen Kämpfe den Inhalt nicht strangulieren. Du endest mit der wichtigsten Aussage von allen: „Es ist sicher! Es ist sicher!“. Dieses letzte Echo deines Films, hallt noch lange nach. Zeige diesen Film der Welt. Ich habe ihn heute gebraucht, und viele Menschen wie wir müssen durch das heilende Bad gehen, in dem wir den Film schauen…“ — Angelo (Brazil)

 „Oh mein Gott, der Film hat mich in vielerlei Hinsicht berührt. ich habe die eine oder andere Träne vergossen. es hat mich so sehr an mich erinnert, als ich 2006 herausfand, dass ich positiv bin. Die Schönheit, der Kampf und die Stärke, die der Film zum Ausdruck bringt, werden für immer in meinem Herzen bleiben. Mit diesem Projekt machst du der Welt ein riesiges Geschenk.»– Justin (Washington, D.C.)

 

The Guest (16min, 2023/24)

Vimeo.com/janostedeschi/theguest
PW: theguest2023

‘The Guest‘ ist auch Teil der Recherchen für meinen Spielfilm ‘Love Undetectable‘, der neue Bilder und Narrative zum Leben mit HIV im Hier und Heute schaffen will. Mehr dazu im nächsten Newsletter 🙂

Kontakt: j.tedeschi@proton.me

 

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