PrEP für Frauen? Die NZZ engagiert sich
Die Wissenschaftsjournalistin Stephanie Lahrtz wünscht sich die PrEP für Frauen. Das wünschen wir uns auch, doch so einfach wie sie meint, ist die Sache nicht.
In ihrem Artikel schreibt Stephanie Lahrtz: «Was mich auch aufregt, ist die Tatsache, dass der einzige weitere Infektionsschutz den Frauen weltweit seltener als den Männern zur Verfügung steht (…). Geldmangel und die Missachtung von Frauen in vielen Gesellschaften und im Gesundheitssystem sind die Ursachen für die eingeschränkte Verfügbarkeit der Prophylaxe für Frauen. Doch ich lese und höre immer wieder auch von Frauen hierzulande, die die PrEP-Tabletten haben wollen, sie aber erst nach längeren Odysseen durchs Gesundheitswesen bekommen.»
Odysseen durchs Gesundheitswesen sollten Frauen, die eine PrEP wünschen, nicht machen müssen, soweit sind wir einverstanden. Die Bedeutung der PrEP für Frauen für die HIV-Prävention ist jedoch eine andere als für Männer. Den Grund benennt Frau Lahrtz, doch sie ordnet das Problem nicht ein: «Frauen sollten sie bereits einige Tage vor einem als riskant eingestuften Sexualkontakt einnehmen, bei Männern reichen dagegen mehrere Stunden.»
Nein, es geht nicht um Geldmangel oder die Missachtung von Frauen im Gesundheitssystem. Damit die PrEP bei Frauen richtig wirkt, muss sie eine Woche vor dem Risikokontakt eingenommen werden. Das macht die Handhabung schwierig, und bedingt eine Dauer-PrEP bereits bei 2-3 Risikokontakten pro Monat. Das Nutzen-Risiko-Verhältnis ist ein anderes als bei Männern, die Sex mit Männern haben. Das Risiko, sich bei einem nicht-therapierten, HIV-positiven Heteromann mit HIV anzustecken ist sehr viel kleiner als bei Männern, die Sex mit Männern haben. Es braucht also bei Frauen sehr viel mehr PrEP, um eine Ansteckung zu verhindern.
Die neuen Richtlinien der Europäischen Fachgesellschaft schreiben denn auch: «PrEP may be considered in HIV-negative heterosexual women and men who are inconsistent in their use of condoms and have multiple sexual partners where some may have untreated or inadequately suppressed HIV infection.» – «PrEP kann bei HIV-negativen heterosexuellen Frauen und Männern in Betracht gezogen werden, die inkonsequent bei der Verwendung von Kondomen sind und mehrere Sexualpartner haben, von denen einige eine unbehandelte oder unzureichend unterdrückte HIV-Infektion haben könnten». «Kann in Betracht gezogen werden» und «wird empfohlen» – dazwischen liegen Welten.
Einen besseren Schutz für Frauen bieten der Vaginal-Ring mit der Substanz Dapivirine oder aber eine PrEP mit Cabotegravir als Depotspritze. Der Vaginal-Ring ist in Europa zugelassen, aber nicht erhältlich, weil die Risikosituation für Frauen in Europa nicht dieselbe ist wie zum Beispiel in Afrika. Die europäische Medikamentenagentur hat Cabotegravir für PrEP im September 2023 zugelassen; erhältlich ist das Produkt unseres Wissens aber noch nirgendwo in Europa. Eine grössere Hürde dürften die Kosten sein. Eine Zulassung durch Swissmedic in der Schweiz steht noch aus.
https://www.nzz.ch/wissenschaft/welt-aids-tag-sexuelle-krankheiten-nehmen-weltweit-zu-ld.1766289
[1] https://www.who.int/news/item/26-01-2021-who-recommends-the-dapivirine-vaginal-ring-as-a-new-choice-for-hiv-prevention-for-women-at-substantial-risk-of-hiv-infection
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