Positive Life Festival: Stigmatisierung und Unwissenheit bekämpfen, die Wahrnehmung verändern

Das Positive Life Festival, eine Initiative der «Consultation ambulatoire des maladies infectieuses du CHUV», ist aus zwei Beobachtungen heraus entstanden: Erstens schien HIV aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verschwunden zu sein, so dass die breite Bevölkerung von Veränderungen wie U=U nichts mitbekam und somit eine wertvolle Gelegenheit zur Wissenserweiterung und zum Abbau der Stigmatisierung verpasste. Zweitens gibt es nur sehr wenige filmische Darstellungen der neuen Realitäten des Lebens mit HIV in einem Land mit allgemeinem Zugang zur Gesundheitsversorgung. Die Kombination dieser beiden Faktoren, trägt zu einer traurigen Realität bei: Menschen, die mit HIV leben, haben Schwierigkeiten, mit ihrem Umfeld über ihren HIV-Status zu sprechen, und die Unwissenheit sowohl in der Bevölkerung als auch beim Gesundheitspersonal kann zu Stigmatisierung und Diskriminierung führen.

Die obengenannten Gründe waren die Motivation für das Festival: Die Diskussion über HIV das ganze Jahr über in möglichst vielen verschiedenen Kontexten und in einer möglichst breiten Öffentlichkeit stattfinden zu lassen und nicht nur am 1. Dezember. Ausserdem sollten neue Bilder von HIV in der heutigen Zeit entstehen. Das Resultat war eine grosse Veranstaltung in Lausanne am 1. und 2. Dezember 2023 in Lausanne. Zudem ist das Positive Life Festival ein «Festival, das niemals schläft» und das ganze Jahr über zahlreiche Veranstaltungen beherbergt.

Um unser erstes Ziel zu erreichen – HIV laut und stolz in die Öffentlichkeit zu tragen – haben wir eine starke und aktive Zusammenarbeit mit Akteuren aus HIV-Verbänden, aber auch mit Akteuren, die sich nur selten mit Fragen rund um HIV beschäftigen, angestrebt. So führten wir zum Beispiel mit dem wissenschaftlichen und kulturellen Vermittlungsdienst der Universität Lausanne «L’éprouvette» im ganzen Jahr 2023 eine Vielzahl von Veranstaltungen durch (die bis 2024 fortgesetzt werden). Gemeinsam gingen wir in Gymnasien, Museen und Gemeindezentren, um auf innovative Art und Weise die Diskussion über HIV für verschiedene Zielgruppen relevant und attraktiv zu machen. Nur ein Beispiel: Am Internationalen Frauentag, dem 8. März, veranstalteten wir einen wissenschaftlichen Apéro mit dem Titel «InVIHsibles: Frauen und HIV» im Musée de la Main in Lausanne. Dank der Zusammenarbeit mit der Universität Lausanne und einer intensiven Kommunikationsstrategie war diese Veranstaltung ausgebucht und führte zu einem entsprechenden Medieninteresse. Mit dem Festival Cinéma Jeune Public (FCJP) drehten wir mit den Schülerinnen und Schülern einer Schule in Gland einen Film über HIV (unter der Regie der Schweizer Filmemacherin Marie-Eve Hildbrand), der am 1. Dezember am Festival in Lausanne gezeigt wurde. Ausserdem konnten wir am 1. Dezember gemeinsam mit der FCJP an Gymnasien auftreten und fast 500 Schülerinnen und Schüler erreichen. Dies sind nur einige Beispiele unserer Einsätze.

Es war für uns auch wichtig, im Laufe des Jahres und darüber hinaus mit anderen HIV- oder verwandten Organisationen zusammenzuarbeiten. Wir haben mit Empreinte (Freiburg) eine Ausstellung eines Künstlers, der mit HIV lebt, veranstaltet und mit Vogay (Lausanne) Schreibworkshops. Wir haben einen weiteren Film gedreht (mit dem Filmemacher Max Wuchner), mit PVA Genève eine Veranstaltung in Zusammenarbeit mit der Universität Genf sowie eine Filmvorführung im Rahmen des Festivals umgesetzt. Die Groupe Santé Genève ist ebenfalls ein wichtiger Partner: Mit ihr und ihren Mitgliedern traten wir in einer Schule auf, beteiligten uns an einer Performance und veranstalten am 27. Januar 2024 einen Aktionstag zum Thema «HIV und die Kunst».

Um unser zweites Ziel zu erreichen – die Schaffung neuer Bilder rund um HIV – hatten wir am 1. Dezember 2022 einen Aufruf zur Einreichung von Filmen veröffentlicht. Wir vergaben 10’000 CHF pro Film und produzierten acht Kurzfilme (die von der Jury aus 30 Bewerbungen ausgewählt wurden), die verschiedene Facetten des Lebens mit HIV darstellen. Alle Filme wurden entweder von oder in Absprache mit Menschen, die mit HIV leben, erstellt und am 1. und 2. Dezember 2023 am Festival gezeigt.

Die Besucherzahlen des eigentlichen Festivals übertrafen unsere kühnsten Träume. Über 650 Personen besuchten während zwei Tagen Filme und Diskussionsrunden zum Thema HIV. Meines Wissens handelt es sich um die grösste Veranstaltung, die je in der Schweiz zum Welt-Aids-Tag organisiert wurde, und in der Tat um das bisher einzige «eigenständige» HIV-Filmfestival in Europa. Das Publikum war zahlreich und vielfältig: HIV-Akteure, Fachleute aus dem Gesundheitswesen und der Forschung, Akademiker, Filmemacher, Journalisten, Menschen, die mit HIV leben, und vor allem viele Vertreterinnen und Vertreter der breiten Öffentlichkeit.

Bild:  Dan Becker

Nicht nur die Zahl der Teilnehmenden bestätigte den Nutzen und den Bedarf an dieser Art von Veranstaltung, sondern auch deren Feedback. Für einige Filmemacher, die mit HIV leben, war die Möglichkeit, einen Film über ihre Erfahrungen zu drehen und zu zeigen, ein «lebensveränderndes Ereignis» (um Raphaël Dépallens, einen der Filmemacher, zu zitieren). Die Teilnehmer äusserten sich über das starke Gemeinschaftsgefühl während der beiden Tage, unabhängig davon, ob jemand beruflich/persönlich von HIV betroffen war oder nicht.

«Das Positive Life Festival hat einen Gemeinschaftsgeist rund um HIV/AIDS geschaffen, den ich bisher nur in Frankreich im Rahmen des Aktivismus erlebt habe. Hier ging es um den künstlerischen Ansatz, wobei jeder Film seinen eigenen visuellen Weg fand, sich mit den Komplexitäten des Lebens mit HIV auseinanderzusetzen. Die Werke wurden dann zu einer Stütze für wichtige Diskussionen, z. B. über die Notwendigkeit von Angst in der heutigen Prävention, über die unterschiedlichen Erfahrungen mit HIV auf globaler Ebene oder über Lebensereignisse oder Gemeinschaften, die in den üblichen Erzählungen fehlen. Auch wenn eine grössere Gemeinschaft von Menschen anwesend war, die sich mit dem Thema befassten, machten die Bemühungen, Menschen mit HIV in den Mittelpunkt zu stellen, diesen Moment besonders wertvoll und kraftvoll». Stéphane Gérard, Filmemacher

Welche Lehren haben wir aus dieser Erfahrung gezogen? Vor allem, dass – anders als in manchen HIV-Kreisen gesagt wird – die breite Öffentlichkeit an HIV interessiert ist. Wir müssen jedoch kreativ sein, um sie auf das Thema aufmerksam zu machen: Es reicht nicht mehr aus, Plakate mit Präventionsbotschaften aufzuhängen. Wir müssen aktiv auf eine Vielzahl von Akteuren in Kultur, Verbänden und Bildung zugehen und mit ihrer Hilfe die breite Öffentlichkeit weiter erreichen. Wir müssen die Kultur als Brücke nutzen, als Vehikel, mit dem wir die Öffentlichkeit ansprechen und ihr helfen, zu verstehen, dass HIV – ob sie sich dessen ursprünglich bewusst war oder nicht – ein Tor zum Nachdenken über soziale Fragen im weiteren Sinne ist. Dabei können wir Botschaften über Behandlungsfortschritte und die Realität des heutigen Lebens mit HIV vermitteln. Und indem wir all diese Dinge tun, machen wir HIV sichtbarer und wieder zu einem öffentlichen Thema, und tragen zum Abbau der Stigmatisierung bei. Wir müssen auch die Zusammenarbeit zwischen den Organisationen verstärken, die sich im Bereich HIV engagieren: Gemeinsam sind wir stärker und haben eine grössere Reichweite, als wenn jeder in seiner eigenen Ecke arbeitet.

«Die gesellschaftlichen und auch medizinischen Fortschritte im Bereich von HIV/AIDS seit den 80er Jahren wären undenkbar ohne Kunst und den damit verbundenen Aktivismus. Heute ist es an uns, der neuen Generation von Künstlern, Verantwortung zu übernehmen. Denn: Unabhängig von seiner sexuellen Orientierung und seinem Serostatus verhandelt jeder Mensch in seinen Beziehungen immer HIV, bewusst oder unbewusst, und wenn es ‘nur’ über die Frage nach Safer Sex ist (‘are you clean?’) und der Entscheidung, ob man ‘es’ ohne oder doch mit Kondom macht. Wie kann es also sein, dass es praktisch keine Geschichten auf der Leinwand gibt, die das Leben mit HIV im Heute behandeln? Die Zeit ist reif: Wir brauchen neue, zeitgenössische Narrative und Bilder – ohne diese wird die Stigmatisierung nie enden. Das genau war das Ziel des Positive Life Festival. Acht Kurzfilme, die Menschen jenseits nationaler Grenzen, soziokultureller Trennlinien und natürlich ihres Serostatus berühren. Filme, in denen und durch diese sich das Publikum in Gesprächen und Erfahrungen wiederfindet, die nichts mit HIV ­ und doch alles mit HIV zu tun haben. Was für ein grossartiger Erfolg!» Janos Tedeschi, Filmemacher

Das Positive Life Festival war ein durchschlagender Erfolg. Und so freue ich mich, dass das Festival seine Aktionen fortsetzen, auf bestehenden Kooperationen aufbauen und neue schaffen wird, bis 2024 und wer weiss, auch darüber hinaus!

David Jackson-Perry / Dezember 2023

David Jackson-Perry ist Doktor der Soziologie, Beauftragter für die Entwicklung von Projekten im Bereich HIV am Universitätsspital Lausanne und Spezialist für sexuelle Gesundheit.

Das Positive Life Festival wurde durch die Unterstützung des Gründungssponsors Gilead Sciences sowie von ViiV Healthcare, MSD, und der Gesundheitsdirektion des Kantons Waadt ermöglicht.

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