Jubiläumsfeier 40 Jahre Aids-Hilfe Schweiz

Das Quilt-Ritual im Hofe des Landesmuseums bot einen besinnlichen Moment, um an die verstorbenen Menschen in den frühen Jahren von HIV und Aids zu gedenken.

 Am 13. Juni 2025 feierte die Aids-Hilfe Schweiz im Landesmuseum in Zürich ihr 40-jähriges Bestehen. Tagsüber fand in den kühlen Innenräumen die Fachtagung rund um HIV statt, am Abend gab es im Hof bei sommerlich warmen Temperaturen eine Jubiläumsveranstaltung.

Es wurde eine Mischung von Kultur und Politik geboten: Komödiantin Marie-Thérèse Porchet und Dragqueen Catherine d’Oex sorgten für humorvolle Unterhaltung, Bundesrat Beat Jans und die BAG-Direktorin Anne Lévy hielten Reden.

Auch stille Momente und Besinnliches hatte Platz, die Feier wurde mit einem Quilt-Ritual eröffnet. Acht Personen führten mit einem Quilt eine Performance durch. Der Quilt ist eine Stoffdecke aus bestickten Tüchern, jedes einzelne gedenkt einem Menschen, der an Aids gestorben ist. 1991 sind in der Schweiz 22 Quilts entstanden. Während der Zeremonie im Hof des Landesmuseums wurden zahllose Namen von Verstorbenen verlesen.

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 Bildnachweis Michael Schmid

Claudia Langenegger: Ivo, du hast am Quilt-Ritual teilgenommen. Wie kam es dazu?

Ivo Schauwecker: Ich bin im Positive Life Advisory Board (pLAB) der Aids-Hilfe Schweiz und es war mir klar, dass ich im Rahmen des Jubiläums aktiv sein will. Ich kannte die Quilts, sie sind ein wichtiger Teil der Geschichte von HIV und der Trauerarbeit. Das genaue Ritual dazu war mir aber nicht bekannt. Ich fand es eine tolle Idee, diese Tradition wieder aufzunehmen. Wie sehr die Zeremonie mit mir und meiner persönlichen Geschichte zu tun hat, wurde mir erst während des Rituals bewusst.

Die Idee der Quilts als Gedenken an Menschen, die an Aids gestorben sind, wurde vor fast 40 Jahren in den USA ins Leben gerufen. In der Schweiz wurde 1991 ein ähnliches Projekt umgesetzt. An der Jubiläumsfeier hat die damalige Projektleiterin Susanna Lüthi die Namen der Verstorbenen vorgelesen. Du hast eine ganz persönliche Geschichte mit dem Quilt-Ritual verbunden.

Ich war etwa 18 Jahre alt, als ein naher Bekannter, ein paar Jahre älter als ich, an Aids gestorben ist. Es war 1984, zu den Anfangszeiten von HIV und Aids in der Schweiz. Es ging bei ihm sehr schnell, kaum mehr als ein Jahr nach der Diagnose lag er todkrank im Unispital. Wir haben ihn in seiner letzten Woche als er im Sterben lag noch besucht. Das war sehr traurig und eindrücklich.

Gab es für ihn damals eine spezielle Abdankung?

Nein, er wurde ganz normal beerdigt, und man sprach auch nicht darüber, woran er gestorben ist. Seine Familie wollte das nicht, das haben wir respektiert. Die offizielle Version war Krebs. Wir haben seinen Tod betrauert und ihn beerdigt, das «Warum?» wurde einfach ausgeblendet. Ich ging aber in den Jahren nach seinem Tod mehrmals auch im Gedenken an ihn am Welt-Aids-Tag am 1. Dezember an den Fackelumzug in Zürich.

 Bildnachweis David Rosenthal

Das Verschweigen der Krankheit war in jener Zeit leider typisch. Mit den Quilts kämpfte man dagegen an. In den USA wurden die Gedenktücher 1987 in Washington D.C. auf einer grossen Fläche ausgelegt und gezeigt – um das Schweigen über die Krankheit und ihre Toten zu brechen und um die Gesellschaft aufzurütteln. Hat dieser frühe Aids-Tod deines Bekannten und das Verschweigen etwas in dir ausgelöst – beispielsweise Ängste?

Nein, es war bloss einfach traurig. HIV und Aids kamen mir in den folgenden Jahren auf andere Weise ganz nah, ich war lange in der HAZ (Homosexuelle Arbeitsgruppen Zürich) aktiv – und HIV war natürlich sehr präsent in dieser Zeit, in der auch die AHS gegründet wurde. Zudem war ich beruflich in der klinischen Forschung im Bereich HIV tätig. Es war auch ein sehr emotionales Thema, in meinem Umfeld sind etliche Menschen an Aids erkrankt.

Du lebst seit sieben Jahren mit HIV – wie war es bei dir mit der Geheimhaltung?

Mein Partner begleitete mich von der ersten Minute der Diagnose an, und mit einem guten Freund konnte ich mich als «Peer» austauschen. In meiner Familie habe ich es aber während gut drei Jahren geheim gehalten. Jetzt lebe ich offen damit – und gut. Ich habe kaum direkte Ausgrenzung, Diskriminierung oder Ablehnung erlebt. Das liegt vielleicht auch an meinem offenen Umfeld. Und die Zeiten sind andere: HIV ist heute gut behandelbar und unter Therapie nicht einmal mehr ansteckend.

Du wirkst noch immer begeistert vom Quilt-Ritual im Landesmuseum. Wir hast du es erlebt, was hat es in dir ausgelöst?

Es war überwältigend: Während der Zeremonie war mein naher Bekannter, der 1984 gestorben ist, plötzlich da, ganz nah. Das hat etwas in mir gelöst und ich habe ihn in diesem Moment nochmals verabschiedet. Es war auf eine schöne Art und Weise sehr emotional.

 Was nimmst du von der Quilt-Zeremonie an der Jubiläumsfeier mit?

Es sollte mehr Zeremonien in dieser Art in unserer Gesellschaft geben – nicht nur im Zusammenhang mit Aids, sondern ganz allgemein für die Trauerverarbeitung. Es ist wichtig, dass man einander trägt. Das Ritual im Landesmuseum war sehr berührend. Zum Abschluss haben wir uns die Hände gehalten und sind einfach dort gesessen. Es hätte keinen besseren Einstieg in die Jubiläumsfeier geben können.

Ivo Schauwecker ist Vorstandsmitglied im Positivrat und Mitglied des Positive Life Advisory Boards der AHS. Er hat in Zürich Biochemie studiert, arbeitet als Humanforschungsspezialist an der ETH in Zürich und ist Präsident der Schweizer Plattform der Europäischen Patientenakademie EUPATI CH.

Claudia Langenegger ist Mitglied des Positivrats und des Positive Life Advisory Boards. Sie hat Kunstgeschichte studiert, arbeitet als Illustratorin, Journalistin und entwickelt Projekte, um gegen die Stigmatisierung von HIV anzukämpfen (www.yourenotalone.ch).

Das Quilt-Ritual hat seinen Ursprung in Nordamerika. Zum Gedenken an Verstorbene nähte man aus Gegenständen von Familienangehörigen Patchwork-Decken. In den USA entstand 1987 zum Gedenken an die an Aids verstorbenen Menschen ein riesiger Aids-Memorial-Quilt aus 2000 einzelnen Tüchern (Panels). Diese wurden zu Quilt-Blöcken zusammengenäht und erstmals am 11. Oktober 1987 in Washington D.C. gezeigt. Mittlerweile besteht der Aids-Memorial-Quilt aus 5’748 Blöcken und 44’000 Tüchern – jedes Tuch ist einem einzelnen Menschen gewidmet, der an den Folgen von Aids gestorben ist. Der Quilt wiegt rund 54 Tonnen und ist weltweit das grösste Kunstwerk, das von einer Gemeinschaft im Bereich Handarbeit hergestellt wurde. Der Aids Memoiral Quilt wird in Atlanta aufbewahrt, wo sich auch der Sitz der Organisation The Names Project Foundation befindet, die das Projekt initiiert hat.

Die Selbsthilfeorganisation PWA (People with Aids) Schweiz hat diese Idee 1991 aufgenommen. In kurzer Zeit sind damals zahlreiche Gedenktücher entstanden, die in Nähateliers in Lausanne, Genf, Bern und Zürich zu Quilts zusammengenäht wurden. Das gesamte Schweizer Aids-Memorial-Quilt wuchs auf 22 Quilt-Blöcke an. Heute bewahrt und verwaltet die HIV-Aidsseelsorge Zürich den Grossteil des Schweizer Aids-Memorial-Quilts, zwei davon werden im Schweizer Landesmuseum aufbewahrt.

 

Claudia Langenegger / August 2025

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