Programm Menschen mit HIV bei der AHS: Interview mit Simon Drescher

30. November 2022

Seit einem Jahr bist du bei der AHS zuständig für Menschen mit HIV und «Check-at-Home». Was sind die wichtigsten Aufgaben in diesem Bereich?

Genau, seit Januar 2022 bin ich Verantwortlicher für das Programm Leben mit HIV. «Check-at-Home» betreue ich bereits seit Sommer 2020, wobei mein Fokus auf dem Programm Leben mit HIV liegt. Glücklicherweise ist die medizinische Versorgung von Menschen mit HIV sehr gut und verbessert sich kontinuierlich. Fast alle Menschen mit HIV in der Schweiz sind in erfolgreicher Therapie. Was sie hingegen beschäftigt, ist die Diskriminierung und Stigmatisierung, welche sie im Alltag erfahren. Empowerment, Beratung, Aufklärung, Abbau von Vorurteilen sehe ich deshalb als zentrale Aufgaben meiner Arbeit. Damit ich dies tun kann, ist es für ebenso wichtig, zuzuhören, mich auszutauschen und zu lernen, um einen positiven Impact zu haben auf das Leben mit HIV.

Was hast du früher gemacht, und was hat dich bewogen, diese für uns sehr wichtige Stelle anzutreten?

Nach dem Studium der Wirtschaft und Kommunikation sowie ersten Jobs in der Privatwirtschaft habe ich während mehreren Jahren beim Checkpoint Zürich in den Bereichen Prävention, Projekte und Prozesse gearbeitet und hatte viele Berührungspunkte mit dem Thema HIV. Dabei lernte ich die Situation von Menschen mit HIV besser kennen. Mich tagtäglich für eine Verbesserung der Stellung von Menschen mit HIV in der Gesellschaft zu engagieren ist eine unglaublich wichtige und sinnstiftende Aufgabe. Das hat mich dazu bewogen, diese Stelle anzutreten.

 

Was sind die wichtigsten Projekte, in welche du im bald vergangenen Jahr involviert warst?

Generell musste ich in meinem ersten Jahr in dieser Rolle viel lernen, durfte viele Bekanntschaften machen und mich ins Thema einlesen. Wichtig war für mich, dass 2022 die Fachkommission in unserem Verband wieder national durchgeführt und der Röstigraben somit überwunden wurde. Eines der wichtigsten Projekte – auch aus Sicht unserer Fachstellen – ist für mich die Kampagne zum Welt-Aids-Tag (WAT). Aufgrund von erfolgreichen Kooperationen mit den wichtigsten Gesundheitsverbänden wurde zwar unser Budget arg strapaziert, jedoch konnten wir die Chance packen und diese wichtige Botschaft zum diskriminierungsfreien Umgang mit Menschen mit HIV direkt ans Gesundheitspersonal bringen. Daneben konnten wir unseren Podcast «Positive Life» mit Folgen in Deutsch und neu auch Französisch weiterführen.

 

Wo konntest du Pflöcke einschlagen, und wo harzt es aus deiner Perspektive?

Ein Erfolg ist ganz klar die WAT-Kampagne; wir konnten so viele Gesundheitsfachpersonen direkt erreichen dank Kooperationen mit namhaften Verbänden. Mich hat die grosse Bereitschaft zur Unterstützung sehr gefreut. Diese Energie hat auch zahlreiche Fachstellen dazu motiviert, lokale Aktivitäten als Teil der Kampagne umzusetzen. Was länger dauert als gedacht, ist die Etablierung eines Gefässes von Menschen mit HIV für das Programm Leben mit HIV. Doch wir sind auf einem guten Weg und ich bin gespannt auf das nächste Jahr.

 

Was hast du, was hat die AHS im Bereich Menschen mit HIV im Köcher für nächstes Jahr?

Da habe ich in der vorangehenden Frage bereits etwas vorgegriffen: Ziel ist es, dass wir nächstes Jahr ein Gefäss schaffen können, in welchem Menschen mit HIV zusammenkommen, sich austauschen und Inputs geben – ganz nach den GIPA-Prinzipien welche eine starke Teilhabe von Menschen mit HIV fordern. Dies ist mir eine Herzensangelegenheit.

 

Wie kann der Positivrat, wie können Menschen mit HIV dich unterstützen?

Ich schätze den Austausch mit dem Positivrat und mit Menschen mit HIV und kann dabei viel lernen. Ich bin dankbar, wenn kritisch mitgedacht wird, konstruktives Feedback an mich gelangt und Erfahrungen geteilt werden. Wir sollten schliesslich nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen. Im Weiteren ist es absolut notwendig, dass wir Botschaften gegenseitig in unsere Netzwerke tragen und so füreinander als Multiplikator:innen agieren. Gemeinsam sind wir stark.

 

Wenn du nach einem Jahr Bilanz ziehst: was hat dich am meisten bewegt oder beeindruckt?

Es sind die persönlichen Geschichten, Geschichten aus dem Leben mit HIV, welche mich bewegen. Es gibt noch viel Arbeit, damit Menschen mit HIV ein Leben ohne Stigmatisierung und Diskriminierung und daraus resultierender Isolierung leben können. Da will ich unterstützen, dass sich dies zum Besseren verändert.

 

Du hattest einige Gespräche mit Menschen mit HIV. Wo drückt der Schuh am meisten?

Stigma und Isolation sind grosse Herausforderungen im Alltag. Es ist bedauerlich, wie viele Menschen aus Angst vor Ablehnung und Diskriminierung mit niemanden über ihr Leben mit HIV sprechen können. Die Bilder von HIV in den Köpfen vieler Menschen entsprechen immer noch jenen der 80/90er Jahre. Erschreckend ist dabei, dass dies auch im Gesundheitswesen zutrifft. Die Folgen davon sind belastend und haben einen negativen Einfluss auf die mentale Gesundheit vieler Menschen mit HIV. Da drückt der Schuh stark.

 

Gab es bei diesen Gesprächen auch positive Überraschungen?

Glücklicherweise gibt es auch positive Entwicklungen und zahlreiche Menschen mit HIV, welche ein gutes Leben – und zwar nicht nur medizinisch gut – leben. Auch erreichen mich gerade durch die aktuelle Kampagne zum Welt-Aids-Tag zahlreiche Nachrichten der Solidarität und Unterstützung. Und nicht zuletzt sehe ich in der Verfügbarkeit der Depotspritzen einen Fortschritt, denn sie bieten Menschen mit HIV eine neue Option für ihre Therapie.

 

Die AHS zielt in der heurigen Kampagne auf Diskriminierungen im Gesundheitswesen. Gab es dazu schon Rückmeldungen?

Genau, wir fokussieren uns auf die Mitarbeitenden im Gesundheitswesen. Eine Massnahme der Kampagne war der Versand von einem Schreiben, einem Faltblatt und einem Entspannungs-Tee an insgesamt rund 60’000 Mitglieder von Berufsverbänden wie VSAO, SBK, SSO, Swiss Paramedic, Spitex Schweiz und andere Mitarbeitende des Gesundheitswesens. Hinzu kommen diverse digitale Präsenzen, eine Spezialausgabe der Swiss Aids News und ein Webinar für Fachpersonen.

Erfreulicherweise haben mich bereits zahlreiche positive Rückmeldungen erreicht. Es gibt jedoch auch vereinzelt negative. So meldete sich eine ärztliche Fachperson welche sich beklagte, dass sie nicht ihre Gesundheit riskieren wolle. Sie stützte sich dabei auf das UN Menschenrecht und rechtfertigte so spezielle, und zusätzliche Schutzmassnahmen bei Menschen mit HIV. Dies zeigt: Unsere Aktivitäten sind nötig, sie kommen an und wir müssen weitermachen. Wir müssen weiter aufklären, damit alle Personen – sowohl im Gesundheitswesen als auch ausserhalb – wissen, dass sie einen entspannten Umgang mit Menschen mit HIV pflegen können, denn unter Therapie überträgt sich das Virus nicht.

 

Gibt es noch ein Thema, welches du ansprechen möchtest?

Für meine Arbeit ist es eine Herausforderung, alle Menschen mit HIV zu erreichen – insbesondere aufgrund vorher angesprochener Isolierung aber auch aufgrund der unterschiedlichsten Lebenswelten, auf die sich Menschen mit HIV verteilen. Hier bin ich offen, dankbar und angewiesen für Vorschläge und Rückmeldung: Schreibt mir sehr gerne auf simon.drescher@aids.ch.

 

David Haerry / November 2022

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