Recht & Diskriminierung – 17. Juni 2012

AIDS-Aufklärung Schweiz: Desinformationen für junge Leute

Alle paar Jahre mal kommt ein Lebenszeichen aus der AAS-Ecke: Wissenschaftlich unhaltbare Informationen, welche HIV-positive Menschen diskriminieren und die offizielle Schweizer HIV-Politik konsequent nicht beachten. Dahinter steht der dubiose Verein „AIDS-Aufklärung Schweiz“ (AAS). Ein Blick in das letzte Pamphlet.

HIV/Aids – AKTUELL; Alles über die HIV-Infektion – das tönt gut, und ist ansprechend aufgemacht. Stutzig wird der aufmerksame Leser ab Seite 25, im Kapitel „HIV-Übertragung“. Da steht unter „Oralverkehr“, Zitat: „Er weist ebenfalls ein HIV-Übertragungsrisiko auf. Oralverkehr bedeutet lecken oder saugen am Penis, and der Vagina oder am Anus. Bei all diesen Sexualpraktiiken besteht zwar ein deutlich geringeres Ansteckungsrisiko als beim Vaginal- und Analverkehr, aber mehrere Studien belegen erfolgte HIV-Übertragungen.“ Besagte Studien werden nicht zitiert. Die offizielle Präventionspolitik der Schweiz beschränkt sich seit vielen Jahren auf die einfache Empfehlung „bei Oralverkehr kein Sperma oder Menstruationsblut in den Mund“.  

Aber damit nicht genug, es folgt: „Zungenküsse: Das Risiko einer HIV-Ansteckung bei Zungenküssen ist sehr klein. Dennoch könnten bei längeren Küssen dieser Art HIV-Viren durch Wunden im Mund- und Lippenbereich von einem infizierten Partner zum anderen gelangen. Aufgrund dieser möglichen Ansteckungsgefahr wird von Zungenkössen mit infizierten Partnern abgeraten.“ Das ist schon sehr viel Unsinn in drei Sätzen, und natürlich wieder nicht belegt.

Auf Seite 29 kommt es ganz dick: „Für Menschen mit einem hohen Sicherheitsbedürfnis gibt es sichere Methoden, einen Liebespartner zu wählen – ohne das Risiko einer HIV-Infektion. Heutzutage birgt eine neue sexuelle Beziehung grundsätzlich die Gefahr einer HIV-Infektion in sich. Aus diesem Grund ist es wichtig, den Partner sorgfältig auszuwählen. Bei einem nicht-infizierten Partner ist eine Ansteckung ausgeschlossen. (...) Sorgfältige Partnerwahl bedeutet, einen Partner zu suchen, der nicht HIV-infiziert ist, zu einem passt (...). Menschen mit HIV taugen also nicht für eine Partnerschaft mit Leuten „mit einem hohen Sicherheitsbedürfnis“.“ Da findet sich kein Wort zu sicherem Kinderkriegen trotz HIV, zum EKAF Statement und dem verschwindend kleinen Übertragungsrisiko unter Therapie. Dafür wird auf Panik gemacht (HIV-Risiko bei jeder neuen sexuellen Beziehung) – das mag für schwule Männer noch zutreffen, ist bei Heteros hingegen Fehlanzeige.  

Auch zur Sicherheit von Kondomen äussert man sich: „Nur Kondome beim Seitensprung zu verwenden, ohne den Partner darüber zu informieren, ist nicht fair, da eine Ansteckung nicht sicher ausgeschlossen ist.“ Damit wird unterstellt, dass Kondome trotz richtiger Anwendung nicht sicher genug wären.  Doch damit nicht genug: „Bei der Reduktion von HIV-Risiken geht es nicht nur darum, die Anzahl Sexulapartner zu reduzieren, sondern möglichst keinen Sexualkontakt zu einem HIV-Infizierten einzugehen.“ Solche Qualifizierungen sind falsch, widersprechen der nationalen HIV-Politik, und sie beleidigen, ja diskriminieren Menschen, die mit HIV leben.  

Unbelegte Pseudowissenschaft und Panikmache etwas weiter hinten, wieder zum Kondom: „Das Kondom senkt das Risiko einer HIV-Übertragung wirksam um das 5- bis 10-fache, schliesst es aber nicht ganz aus.“ Das ist so gesagt an den Haaren herbeigezogen und in keiner Weise belegt. 

Auf Seite 39 weiss die Broschüre dann auf einmal dass antiretrovirale Medikamente das Ansteckungsrisiko senken – und fährt dann weiter, dass das Ansteckungsrisiko nicht ganz ausgeschlossen sei (das hat auch nie jemand behauptet) und von einer dokumentierten Ansteckung im Jahre 2008 berichtet. Nun, mit dieser dokumentierten Ansteckung hat es seine Tücken; der publizierende Arzt hat sich mittlerweile von seiner damaligen Interpretation distanziert. Weiter schwafelt die Broschüre von Menschen, welche die HIV-Medikamente nicht vertragen, und von solchen, welche wegen Resistenzen keine wirksamen Medikamente mehr hätten. Kein Wort oder Hinweis, dass man Patienten bei Unverträglichkeit umstellt (wir haben ca. dreissig zugelassene Substanzen); und dasselbe auch bei Resistenzen tut. Es gibt heute in der Schweiz kaum einen Patienten mehr, welcher nicht mit einer gut verträglichen Therapie behandelbar ist.  

Das unsägliche Pamphlet wurde 2010 in einer Auflage von insgesamt 25'000 Exemplaren in vier Sprachen gedruckt und der Hausarztpraxis beigelegt. Seither liegt es in Arztpraxen auf. Der Präsident der damaligen Eidgenössischen Kommission für Aidsfragen EKAF, Prof. Pietro Vernazza und die Aids-Hilfe Schweiz haben damals bei den Verantwortlichen der AAS interveniert. Offenbar bekam der Verein kalte Füsse; es wird jetzt eine Neuauflage nachgereicht, welcher der Ärztezeitung im Mai 2012 beigelegt wird. Die übersetzten Ausgaben wurden nicht angepasst – der oben kritisierte Unsinn wird also weiterverbreitet. Im Jahresbericht 2010 beklagt die AAS eine „unerwartet heftige unsachliche Reaktion seitens der Aids-Hilfe Schweiz sowie der EKAF“.  

Ein Blick in diese Neuauflage zeigt, dass man zwar auf die allzustossenden und unhaltbaren Behauptungen verzichtet, aber nach wie vor vor einer Liebesbeziehung oder Ehe mit einem HIV-positiven Menschen warnt. Man schürt weiterhin falsche Ängste und verbreitet ein überholtes anachronistisches Weltbild vom Leben mit HIV. Offensichtlich will man zu der von UNAIDS und im nationalen HIV Präventionsprogramm gesetzten Schwerpunkten und Interventionsachsen ein konservatives Gegengewicht setzen. Vor zwei Jahren hat sich die AAS damit blamiert, doch sehr viel glaubwürdiger steht man mit der Neuauflage nicht da.

Wer ist die Aids-Aufklärung Schweiz?
Autor der Broschüre ist ein Dr. med. Kurt April, Psychiater aus Horgen (letzteres wird schamhaft verschwiegen). Die Einleitung schrieb die ehemalige Leiterin des Instituts für medizinische Virologie der Universität Zürich, Frau Prof emeritus K. Moelling. Letztere hat zwar zu HI-Virusreplikation publiziert, doch war sie nie klinisch in der HIV-Therapie tätig. 

Die Aids-Aufklärung Schweiz als Herausgeberin ist dem 2002 aufgelösten Verein für psychologische Menschenkenntnis VPM entsprungen (Vereinsgründung 1989, Aktivitäten seit 1985). 1992-1993 erschienen in der Schweizer Presse mehr als 2'700 kritische Artikel zum VPM, fast jeder enthält einen Sektenvorwurf. Der Journalist Hugo Stamm ist der Meinung, dass ehemalige VPM Mitglieder die Aktivitäten des Vereins weiterführen, und die Aids-Aufklärung Schweiz ist offenbar eines der Vehikel. Der heutige Präsident Dr. Kurt April bekennt sich im Gespräch zu seiner Mitgliedschaft im ehemaligen VPM.

Ein Blick auf den Vorstand listet Mediziner, verschweigt aber wohlweislich deren Fachgebiet. Eine kleine Recherche bringt folgendes zutage: Fantacci: Allgemeinmedizin; Holzmann: Orthopäde; Häcki: Gastroenterologe; Schlinkmeier: Gynäkologie; April: Psychiatrie. Weit und breit kein Infektiologe, niemand aus der Schweizerischen Kohortenstudie.  

Beim wissenschaftlichen Beirat ist man etwas gesprächiger, aber keiner der genannten Professoren ist in den letzten 12 Jahren an einem HIV-Kongress in Erscheinung getreten. Klinische Erfahrung mit HIV-Patienten hat keine der involvierten Persönlichkeiten.  

Zur Transparenz der AIDS-Aufklärung gehört auch, dass Jahresberichte mit Verzögerung publiziert und keine Angaben zur Herkunft der finanziellen Mittel gemacht werden. 2006 und 2007 publiziert man Spendenerträge unbekannter Herkunft über 430'000 und 486'000 Franken; 2008 bis 2010 zwischen 327'000 und 355'000 Franken. Woher kommt dieser Geld? Wer versteckt sich hinter der AAS? Wo und wie werden die erheblichen Mittel gesammelt? Verwechseln ahnungslose Spender die AAS mit der Aids-Hilfe Schweiz?  

Die AAS brüstet sich auch mit dem «Special Consultative Status with the Economic and Social Council of the United Nations» (ECOSOC)”. Dieser Status wird aufgrund vager Kriterien jährlich an etwa 600 NGOs vergeben, doch ist nicht klar, mit welcher Unterstützung die AAS sich das Glaubwürdigkeit heischende Label erlangt hat. Auf jeden Fall beruft sich die AAS gerne darauf, um sich als seriöse Organisation darzustellen. 

Es wäre an der Zeit, dass sich die Standesorganisation der Schweizer Ärzteschaft um den Verein Aids-Aufklärung kümmert. HIV-Desinformationen von Orthopäden, Gynäkologen und Psychiatern, das brauchen wir nicht. Sie zementieren Ängste, Stigma und Diskriminierungen gegenüber Menschen mit HIV unter dem Deckmantel eines fundamentalistischen Verständnisses von Public Health.

Dr. Kurt April, Präsident der AIDS-Aufklärung Schweiz, legt Wert auf folgende Feststellung:
«Bei der Gründung 1989 waren zwei von 9 Vorstandsmitglieder der Aufklärung Schweiz dem VPM nahestehend. Seit mehr als 15 Jahren distanziert sich die AIDS-Aufklärung Schweiz unmissverständlich vom VPM. Die AIDS-Aufklärung Schweiz hat nichts, aber auch gar nicht gemeinsam mit den Meinungen des damaligen VPM und seinen Nachfolgeorganisationen. Es bestehen auch keine organisatorischen, personellen oder finanziellen Verflechtungen mit VPM-Nachfolge-Organisationen. Hugo Stamm kennt diesen Sachverhalt.»

Der Positivrat hält an seiner Darstellung fest.