Migration – 01. Dezember 2015

Antiretrovirale Therapie ART und Migration: Probleme und Lösungsvorschläge

Das Migrationsprojekt des Positivrats hat im Bereich ART und Migration gemeinsam mit den involvierten Fachpersonen und Betroffenen Probleme beschrieben und Lösungsvorschläge dazu entwickelt. Durch Interviews wurden Probleme herauskristallisiert und im Rahmen von Roundtable-Gesprächen Lösungsvorschläge dazu erarbeitet.

Das Migrationsprojekt hat Probleme mit ART aus der Perspektive von medizinischen Fachpersonen der Schweizerischen HIV-Kohorte, aus derjenigen von Sozialberatenden der Aids-Hilfen und aus derjenigen von afrikanischen Patienten beschrieben. Diese unterschiedlichen Perspektiven werden auch in der Gewichtung der Probleme deutlich. Für medizinische Fachpersonen stehen Probleme rund um das sprachliche Verständnis und das Verstehen von ART generell im Vordergrund.

Alle Interviewten beschreiben die Probleme rund um die Angst vor Diskriminierung und Stigma klar als eines der Grundprobleme, das in verhängnisvoller Weise mit weiteren Problemen verknüpft ist, sie teilweise erschwert oder ihnen gar zugrunde liegt. Diese inneren Verknüpfungen zwischen Problemen erschwerten es, sie klar voneinander abzugrenzen: Miteinander zusammenhängende Probleme wurden zu den Problemkomplexen „Stigma und Diskriminierung“ und „ART verstehen“ zusammengefasst.

Für afrikanische Patienten und deren Sozialberatende stehen die Ängste des Problemkomplexes Stigma und Diskriminierung klar im Zentrum. So kann die grosse Angst, wegen HIV in der eigenen Community diskriminiert zu werden, für Betroffene dazu führen, dass sie – ausser mit ihrem Arzt - mit niemandem über ihre HIV-Infektion sprechen. Dafür bewährte Strategien wie Selbsthilfegruppen von Menschen mit HIV haben sich in den vergangenen Jahren nach und nach aufgelöst und schienen für Personen aus Afrika nicht von Interesse. Eine neue Initiative im Bereich Selbsthilfe ist PFS – Positive Frauen Schweiz – die sich in mehreren Regionen regelmässig als Frauengruppen treffen. Die Aids-Hilfe Bern beschreitet mit ihrem „peer-to-peer“ Projekt neue Wege, indem sie mit ART erfahrene Personen als sogenannte Peers einsetzt und mit Betroffenen aus Afrika zusammenbringt, die sich einen Gesprächspartner wünschen, um offen über HIV-Themen zu sprechen.

Im Problemkomplex „ART verstehen“ stellen die unterschiedlichen Gesundheitskonzepte von afrikanischen Patienten und von medizinischen Fachpersonen in der Schweiz ein Art Grundproblem dar. Medizinische Fachpersonen agieren im Sinne unserer westlichen Medizin, basierend auf einem biomedizinischen Gesundheitskonzept, das auch unseren Kenntnissen zu HIV und zu ART zugrunde liegt. Afrikanische Patienten hingegen orientieren sich an Konzepten aus ihrem Kulturkreis wie dem Konzept der Vorfahren oder traditionellen Heilmethoden. Solch unterschiedliche Gesundheitskonzepte können dazu führen, dass afrikanische Patienten das Konzept von ART nicht wirklich verstehen oder erst gar nicht damit beginnen wollen. Ein Arzt beschreibt das Problem mit den Worten: „Sie verstehen die Bedeutung von Nicht-Adhärenz nicht.“ Besonders schwierig wird es für medizinische Fachpersonen, wenn eine schwangere Patientin mit ART beginnen sollte und dies verweigert. Ein Problem, das uns in der Schweiz aus den 90er Jahren sehr wohl bekannt ist. Es gab und gibt Schweizer Patienten, die ART grundsätzlich ablehnen – aus welchen Gründen auch immer. Einige der interviewten Fachpersonen stellten klar, dass Probleme mit ART sich nicht auf Patienten aus Afrika reduzieren lassen und grundsätzlich bei allen HIV-Patienten vorkommen können.

Stigma und Diskriminierung wegen HIV ist ein Dauerbrenner, mit dem wir uns seit mehr als 30 Jahren aktiv auseinandersetzen – trotzdem ist es bisher nicht gelungen, sie zu beseitigen. Es wäre eine Illusion, zu erwarten, das Migrationsprojekt könne dieses Grundproblem im HIV-Bereich lösen. Die Projektleiterin versuchte jedoch, diese Probleme weiter zu differenzieren und zu konkretisieren, in der Hoffnung, dadurch Möglichkeiten für Lösungsvorschläge zu eröffnen. Zum Beispiel die Angst um den Aufenthaltsstatus: Asylsuchende Patienten befürchten, dass eine HIV-Diagnose ihre Aussicht auf Asyl oder einen vorübergehenden Aufenthaltsstatus zerstören könnte. Medizinische Fachpersonen berichten, dass sie immer wieder Asylsuchenden zu erklären versuchen, dass gesundheitliche Informationen rund um HIV nicht automatisch in das Asylverfahren weitergeleitet werden. Und fordern mit einem Lösungsvorschlag, dass offiziell dafür zuständige Stellen des BAG bzw. des Amts für Migration diese Informationen für Asylsuchende gut verständlich kommunizieren.

Immer wieder erfahren Sozialberatende von Asylsuchenden, dass in Asylzentren die dringend notwendige Diskrektion in Bezug auf ihren HIV-Status oder ihre HIV-Medikamente nicht gewahrt werden kann. Daraus schliesst die Projektleiterin, dass Betreuungspersonen im Asylbereich sich nicht genügend bewusst sind, welche Konsequenzen ein sorgloser Umgang mit solchen Gesundheitsinformationen für HIV-positive Asylsuchende haben kann: nämlich dass sie diskriminiert werden. Dieses Problem beschreibt das Migrationsprojekt als Angst vor Diskriminierung wegen ARV. Es könnte aus Sicht von Sozialberatenden und Betroffenen auch konkreter formuliert werden: Betreuungspersonen halten ihre berufliche Schweigepflicht nicht ein. Dies kann beispielsweise durch eine für nicht Eingeweihte leicht hörbare Aussage wie „Sie haben heute ihre HIV-Medikamente nicht geholt!“ geschehen. Als Lösungsvorschlag auf dieses Problem hat der Positivrat eine „Erklärung zur beruflichen Schweigepflicht“ erarbeitet. Die Idee davon ist, die Aufmerksamkeit von im Asylwesen tätigen Betreuungspersonen auf die Bedeutung der Diskretion rund um HIV zu richten und sie mit ihrer Unterschrift verbindlicher dazu zu verpflichten.

Soweit die Idee – es fehlt einzig an der Umsetzung. Das Migrationsprojekt hat lediglich Probleme aufgezeigt und Lösungsvorschläge erarbeitet. Deren Umsetzung muss in unserem föderalistisch organisierten Gesundheits- und Sozialwesen in den jeweiligen Kantonen geplant und durchgeführt werden. Eine Arbeitsgruppe des Positivrats will Ideen für Nachfolgeprojekte entwickeln, um die Lösungsvorschläge des Migrationsprojektes umzusetzen. Mehr Informationen zum Migrationsprojekt und der Abschlussbericht finden sich auf der Website des Positivrats: www.positivrat.ch

Romy Mathys / November 2015