Aus unserem Leben – 30. März 2022

“Angst essen Seele auf” oder: “What is your antidote against fear?”

Gesprächsfetzen zusammengetragen von Janos im März 2022

 

Deutsche Version Text 

Ich sitze im Zug auf dem Weg ans LGBTQ+ Filmfestival in Amsterdam. Mein Text über die in den Niederlanden neu entdeckte viel aggressivere Variante des HI-Virus will nicht so recht aufs Papier. Anderes beschäftigt mich mehr. Ich blättere genervt in meinem Buch mit philosophischen Essays und bleibe – ob es Zufälle wohl gibt? – bei folgender Passage hängen: “Nur sehr wenige Menschen verfügen heutzutage über die Ruhe, die es dem Menschen ermöglicht, echte Entscheidungen zu treffen und sich in einen Zustand der Besinnung zurückzuziehen. Fast jeder ist ausser sich, aufgeregt, und mit der Aufregung verliert der Mensch seine wesentlichste Eigenschaft – die Möglichkeit, sich zu besinnen, sich in sich selbst zurückzuziehen, um mit sich selbst ins Reine zu kommen und zu definieren, was er glaubt, was er wirklich schätzt und was er wirklich verabscheut. Diese Erregung blendet ihn, macht ihn blind und zwingt ihn, mechanisch zu handeln, wie ein frenetischer Schlafwandler.“ Der spanische Philosophe, José Ortega y Gasset, schrieb diese Zeilen nur einige kurze Jahre vor dem Ausbruch des 2. Weltkriegs. Der Text könnte von heute sein. Überschlagen sich heute, ein knappes Jahrhundert später, nicht auch wieder die Ereignisse – scheint die Menschheit nicht einmal mehr ausser sich zu geraten? Der Corona-Pandemie Alptraum kaum vorbei, da beginnt mit dem Krieg zwischen Russland und der Ukraine das nächste Drama mit womöglich katastrophalen Auswirkungen. Im Hintergrund lauert ein massiver wirtschaftlicher Umbruch; Millionen von Arbeitsplätzen werden in den nächsten Jahren der digitalisierten Welt zum Opfer fallen. Und all das, während die Klimakrise zusehends auch in unseren Breitengraden erfahrbare Realität wird! Ich kann mit diesen Fragen so ganz allein nicht sitzen bleiben. Ich setze mich also ins Bordbistro und suche das Gespräch mit meinen Mitreisenden, in der Hoffnung, dass vielleicht die eine oder andere Reflexion mir eine neue Sichtweise eröffnet. Ich frage also: Was macht dieser konstante Ausnahmezustand mit Dir? Wie gehst Du mit existentiellen Ängsten um? Wie schaffen wir es unser Leben zu entschleunigen, damit wir uns in einem Zustand der Besinnung finden? 

 

Astrid (36)

“This is a very powerful question. How to deal with the anxiety. I practice more and more to be in the moment, to look at the beautiful things around me; the colours, the people; to embrace the moment. I guess I cultivate my eye for the beauty of the world. I do not want to focus on the negative things, because they are everywhere. I try to go beyond my own judgement, and I try to remain open to whatever life brings. And when I meet people whose opinion I don’t agree with, I try to look beyond our differences to see the humanity that connects us. And I see my task as an artist to remind people of their connection with beauty. I don’t want to drown in fear and a negative image of the world. There is so much beauty in it. That’s what I focus on.”

 

Morgan (57)

„Mit der Angst gehe ich um, indem ich Dinge abstrahiere. Ich schaue mir Zahlen an, Fakten, Grafiken, Tabellen. Abstrahieren schafft Distanz.“

 

Philip (33)

„Ich ziehe mir sehr viele Nachrichten rein, was Dopamin ausschüttet – Medienpsychologisch ist das völlig verständlich. Ich stürze mich also in eine Art Rausch und dieser überdeckt meine darunterliegende Angst. Ob es ein Weltkrieg ist oder die Klimakatastrophe oder die grossen sozialen Spannungen, die sich abzeichnen – meine Befürchtung ist, dass wir das als Menschheit nicht hinkriegen. Aber in dem Rausch geht die Schwere dieser Frage irgendwie unter.“ 

 

Dora (47)

„Ich nehme es als Wellen im Meer wahr. Je grösser die Welle, desto mehr muss man sich reinwerfen. Das heisst sensitiv sein. Ich lese zum Beispiel News auf verschiedenen Kanälen und in verschiedenen Sprachen. Ich möchte mir ein komplexes Bild machen können. Das kostet viel Energie, und ist nicht gut auszuhalten, doch ich habe das Gefühl, dass man schon sehr genau beobachten muss, wenn man verstehen will, wie die Welt funktioniert. Mein junges Kind erdet mich dann auch wieder, weil er Präsenz einfordert. Er merkt sehr genau, wenn ich nicht anwesend bin. Das hilft mir, nicht in den ganzen Informationen über die Welt da draussen zu ertrinken. Denn meine Welt ist auch gerade hier, jetzt. Mit meinem Kind.“

 

Natalia (21)

“I personally focus on what keeps me grounded. I focus on one thing at a time. Spending time with my grandmother who is very old also helps me a lot, because she needs my support and my attention. Perhaps it sounds a little strange, but I feel it’s a gift to me when I can take care of her; it’s actually that I am grateful for having someone I can give love to. Because this way it feels I can actually do something good in the world.”

  

Victor (64)

“Keeping a long view is how I keep my fear at bay. To keep perspective. I find it is important to keep informed about what is going on and what makes us feel afraid, but then to test reality. Does this mean imminent danger to me right now? Or can I put it into perspective?”

 

Ivonne (62)

“The antidote to fear is love. This sounds like a cliché, but it really is true. It’s about finding my inner centre, through meditation or mindful practices. For me it has to do with the notion that all is one. Everything that happens is an expression of the One; whether it is what I do with my life or what Putin does or what anyone else does, or anything else is. You cannot see the light without darkness. So why would I fear it? I take it as an invitation to focus on the light, to choose to give energy to the good and that which is deserving of love.”

 

Maria (40)

“For me, the antidote for fear is mainly to navigate away from the constant flow of information that we are fed. Focusing on the little things – We are sort of in a constant scroll; and some people are completely lost in it; constantly inundated with information. Of course, it’s important to be active in the world, to take good actions; but more and more I see that I as an individual don’t really have a lot of influence on the global scale. The only thing I can do, is work on the lower grounds. Planting seeds. With the hope of ultimately changing the hierarchy of things.”

 

Lucius (29)

"Mehr als früher denke ich über die Tatsache nach, dass ich sterben werde. Ich frage mich, welche Dinge in meinem Leben wirklich wichtig sind. Und welche Dinge eigentlich nicht.“

  

Tanja (58)

"Ich kann die Welt nicht ändern. Es scheint, dass wir uns in einem immerwährenden Wahnsinn befinden. Die Zeiten, in denen die Menschheit wirklich aufblühte, waren doch relativ kurz. Das antike Griechenland. Das Florenz in der Renaissance. Rive Gauche in Paris. Eigentlich nur wenige Momente. Was sich für mich zunehmend sinnvoll anfühlt, ist, wenn ich etwas tun kann, das einen anderen Menschen berührt. Den Menschen um uns herum eine Freude zu bereiten, ich glaube das ist die Aufgabe. Man kann nicht die ganze Welt retten. Nur kleine Schritte tun, in deinem eigenen Umfeld. Das ist alles, was man tun kann."

 

Michael (39)

“Oh, I need – we need to have Art! We need to have gatherings, we need physical community, more than ever. In this fragmented digital world, we feel increasingly alienated from each other. That is what worries me the most. See, this fear and stress which in recent years have become increasingly manifest in our society, has grown exponentially because of the stories and images propagated in the media. People feel more and more socially isolated; without a community they feel their life has no meaning. So there is a lot of free-floating anxiety. And this is creating a deep psychological discontent­ – the perfect breading grounds for all kinds of social conflicts. I am right now reading a book by Matthias Desmet, a professor of psychology. I find what he says really interesting.”