Aus unserem Leben – 27. November 2019

Neben mir

Gleich zwei Ausstellungen in Zürich widmen sich im Herbst dem Thema HIV/Aids. Zum einen war da die Ausstellung im Migros Museum United by Aids, die sich unterschiedlichen künstlerischen Positionen annimmt und zum anderen die Ausstellung Problem gelöst? Geschichte(n) eines Virus in der Shedhalle der Roten Fabrik.

Problem gelöst? Geschichte(n) eines Virus setzt sich zum Ziel, die aktuelle Stimmungslage zu HIV/Aids zu befragen, so der Text auf der Homepage. Sie will ausgehend von Zürich in den 1980er und 1990er Jahren einen Bogen spannen zur Situation heute. Es ist also keine reine Kunstausstellung, sondern eine Verbindung mit historischen und aktuellen Informationen sowie dokumentarischem Archivmaterial. Ich entschloss mich, zur Vernissage zu gehen.Gleich zwei Ausstellungen in Zürich widmen sich im Herbst dem Thema HIV/Aids. Zum einen war da die Ausstellung im Migros Museum United by Aids, die sich unterschiedlichen künstlerischen Positionen annimmt und zum anderen die Ausstellung Problem gelöst? Geschichte(n) eines Virus in der Shedhalle der Roten Fabrik.

Zahlreich haben sich die Besucher in dem viel zu grellen Licht eingefunden. Alles ist weiss und blendet wie Schnee in der Sonne. Nach dem man den weissen Medienvorhang, der die Ausstellung abtrennt, passiert hat, baut sich gleich eine riesige Infografik vor einem auf. Und weil man Grafiken gerne misstraut und Leute keine Zeit zum lesen haben, wirkt man dem entgegen und abstrahiert noch einmal in den Raum hinein: 425 rote Papprollen mit 30 Zentimeter Höhe stehen für Neuinfektionen im Jahr 2017 und weitere 20 rote Papprollen mit 15 Zentimeter Höhe sollen den Rückgang um 20% im Jahr 2018 zeigen. Leider misslingt der Versuch mit den roten Pappzylindern am Boden aus perspektivischen Gründen, dafür hat bestimmt jeder Angst einen umzustossen und eine Kettenreaktion auszulösen.
Leute flanieren also zwischen Bildern vom Platzspitz, übergrossen Medikamentenverpackungen und Quilts in Sarggrössen, bestickt mit Namen Verstorbener, hindurch. Ich bin mit meinem besten Freund hier. Beide Virusträger. Beide überfordert. Wir können keinen echten Bezug zu der Ausstellung, zu uns und der Krankheit herstellen. Es fallen Wörter wie harmlos, unpersönlich und kalt. Klar, Vernissagen sollte man nie zu ernst nehmen. Doch schmeckt das Cüpli eindeutig besser vor einem nichtssagenden abstrakten Bild, als wenn einem tief eingefallene schwarze Augen heroinabhängiger Menschen aus Fotografien beobachten.
Wir beschliessen zu gehen. Auf dem Weg nach draussen beobachte ich ein kleines Kind, das mit einem Ballon durch die Ausstellung tobt. Plötzlich berührt mich doch noch etwas. Denn wer hätte sich vor 30 Jahren spielende Kinder an einer Veranstaltung zu dieser Krankheit vorstellen können? Wir rücken näher zusammen.

Über die nächsten Tage kehren meine Gedanken oft zu der Ausstellung zurück und regen mich zum Denken an. Berührt sie? Und wen? Und wie kann man so etwas Gewaltigem überhaupt entgegentreten, es einfangen, zähmen und ausstellen? Wen wollen die Veranstalter ansprechen? Und was passiert mit einer Krankheit, die man ausstellt?
Zur Abhilfe schlage ich Susan Sontags Krankheit als Metapher auf und lese da auf der ersten Seite: „Zeigen will ich, dass Krankheit keine Metapher ist und dass die ehrlichste Weise, sich mit ihr auseinanderzusetzen - und die gesündeste Weise, krank zu sein -, darin besteht, sich so weit wie möglich von metaphorischmn Denken zu lösen, ihm grösstmöglichen Widerstand entgegenzusetzen.“ Ich werfe das Buch gleich wieder auf den Bücherstapel zurück und denke mir was für ein Quatsch. Gleichzeitig meine ich auch zu verstehen was sie damit meint, doch wie sonst will ich über etwas Unsichtbares sprechen, wenn nicht in Metaphern? Also besuche ich die Ausstellung ein zweites Mal.

Weisse Wimpel wirbeln mir entgegen. Grölend bricht eine Schulklasse Jugendlicher durch den Vorhang, der den Eingang zur Ausstellung abtrennt. Einige mustern mich skeptisch und es scheint, also ob ich ihnen im Weg stehe. Als die letzten verschwunden waren, wird es ganz still. Ich bin alleine in der Ausstellung. Ich steuere auf das Gästebuch zu, lese ein paar Seiten mit den immer gleichen freundlichen Worten. Auf der letzten Seite zerschneidet eine schlechte Zeichnung vom FCZ-Logo das Blatt.
Es ist mir nicht gleich aufgefallen, rhythmisches Wummern, wie unter Wasser. Es füllt die grelle Halle, kommt aber aus dem hinteren Teil. Mit dieser Ruhe und ohne die gestikulierenden Besucher an der Vernissage, ist die Stimmung ganz anders. Der Raum, immer noch viel zu grell und abweisend. Ich schaue mir die grosse Fotowand zum Lila Bus und Atelier Purpur an. Blättere durch eine Reproduktion eines Heftchens namens HERMANN, das sich an junge Stricher von der Platzspitzszene richtete. Ich muss an all die Obdachlosen und Süchtigen auf der Kornhausbrücke denken. Als ich noch ein kleines Kind war, fuhren wir oft mit dem Auto über diese Brücke. Die Bilder sagen mir jetzt mehr als bei meinem ersten Besuch. Sie berühren mich. Sie wühlen mich auf. Das Archivmaterial wurde liebevoll aufgearbeitet. Ich frage mich wie so etwas passieren konnte und warum es immer so einfach ist die Augen vor solchem Elend zu verschliessen. Aber ich frage mich auch, was das mit mir zu tun hat. All diese zerstörten Körper fühlen sich so fern an.
Just an diesem Tag ist mir aufgefallen, dass ich seit zwei Tagen meine Therapie vergessen habe. Das ist mir noch nie passiert. Ich hatte ein ungutes Gefühl und telefonierte meinem Arzt. Der wiederum meinte, ich muss mir keine Sorgen machen und die Therapie einfach fortsetzen und mir überlegen wie es dazu gekommen ist, damit es nicht mehr passiert. Und jetzt stehe ich vor diesen traurigen Bildern und fühle mich so, als ob ich dieses Virus nicht in mir trage. Weil ich es nie gesehen habe und ich nicht krank werde, wie all die Millionen Menschen die daran sterben mussten und werden. Die einzige Verbindung die mir gelingt, ist die regelmässige Einnahme einer Tablette oder die kurze Unsicherheit, wenn ich diese versäumt habe. Ich schaue mich in der Ausstellung um, und wieder finde ich keine Verbindung zu dem was ich sehe. Ich laufe in den hinteren Teil schaue mir ein paar Interviews an und hoffe auf eines mit einem jungen schwulen Mann, der die richtigen Worte für mich schon gefunden hat. Finden tu ich aber nur Beiträge von Veteranen und einer jungen Frau, die bei der Geburt angesteckt wurde. Das irritiert, denn von den oben erwähnten 425 Pappzylindern stehen die Hälfte für neu infizierte Männer, die Sex mit Männern haben und davon ist ein Grossteil von ihnen zwischen 25 und 35 Jahre alt oder sogar noch jünger. Ich weiss, dass die Schwulen das Thema HIV/Aids gerne für sich reklamieren und dem entgegen zu steuern ist vorbildlich, aber mir hätte es geholfen, hätte man auch einen jungen Mann mit HIV für ein Interview gefunden. Weiter hinten die obligaten Partybilder mit dem genauso obligaten Satz: „Reaktion auf intensive Zeiten, in denen es mehr Fragen gab als Antworten, mehr Ende als lange Lebensplanung.“ Und heute gibt es mehr Antworten und darum auch weniger Partys? Dann gelange ich zur Quelle des rhythmischen Wummern: Das Herztonkonzert. Die aufgenommenen Herztöne von sechs Freunden die sich in unregelmässigem Rhythmus antreiben. Aber mir geht nichts unter die Haut. Vielleicht ist es einfach der Tag, doch manchmal befürchte ich, dass sich all diese Bezüge die hier gezeigt werden, von mir nicht mehr nachvollzogen werden können. Die zwei ärztlichen Kontrollen im Jahr und die eine grüne Pille alle 24 Stunden, lassen mich fühlen, als ob die Krankheit neben mir geht. Meine Metaphern gleichen einem Rinnsal in einem ausgetrockneten Fluss. Eigentlich so, wie es Susan Sontag vorgeschlagen hat. Aber gut anfühlen tut sich das trotzdem nicht. Und ich wünsche mir, dass ich einen neuen Zugang zu meinem Körper und dieser Krankheit finden kann. Denn ich fühle mich fremd in dieser Ausstellung und wundere mich, was die Jugendlichen nun über Menschen mit HIV denken.

 

Yves Bächtiger / November 2019