Aus unserem Leben – 23. Juli 2019

STI-Tests für Menschen mit HIV: Medizin versus Moral?

Man sollte denken, wer mit Blick auf die eigene Gesundheit verantwortungsbewusst behandelt und sich zudem um die Gesundheit anderer sorgt, würde dafür gelobt. Aber leider ist dies nicht immer der Fall, wie meine Erfahrung und die vieler anderer aus meinem Umfeld zeigt.

Ich bin HIV-positiv und besuche etwa alle drei Monate einen Arzt. Es wird immer ein Bluttest gemacht, um zu kontrollieren, ob die Viruslast weiterhin nicht nachweisbar ist. Zudem werden dadurch die Parameter des Immunsystems und meiner Gesundheit überwacht. Als ich vor fünf Jahren von Berlin in die Schweiz kam, war ich daran gewohnt, dass ich mich alle drei Monate auch auf andere sexuell übertragbare Infektionen wie Syphilis, Gonorrhö, Chlamydien usw. testen lassen kann. Für mich eine Selbstverständlichkeit, solange ich nicht auf Sex verzichte. Es hat sich aber herausgestellt, dass es in der Schweiz keine ähnlichen Regeln für die STI-Testung gibt und die Ärztinnen und Ärzte auf ihre jeweils individuelle Weise handeln.

Meine Erfahrungen und die anderer Menschen mit HIV in der Schweiz zeigen, dass es nicht ausreicht, um einen STI-Test zu bitten. Man muss auch Symptome haben. Hinzu kommt, dass viele erzählen müssen, welches mögliche Risiko sie hatten. Oder sich eine Moralpredigt anhören müssen, nach der es nicht gut ist, sich auf Sex ohne Kondom einzulassen.

Selbstverständlich tun dies nicht alle Ärztinnen und Ärzte. Es gibt Ausnahmen, die STI-Tests durchführen ohne unnötige Fragen zu stellen und die Symptome "per se" aufschreiben. Aber ich möchte über das System sprechen, das Ärztinnen und Ärzte dazu bringt, sich ihren Patientinnen und Patienten gegenüber unangemessen zu verhalten.

Als Person, die auf sich selbst achtet und die sich auch für die Gesundheit anderer verantwortlich fühlt, möchte ich nicht alle drei Monate um einen STI-Test betteln oder mir jedes Mal eine Predigt anhören müssen. Unter solchen Umständen überlege ich, ob es besser ist, meinen Mund zu halten und nicht um einen STI-Test zu bitten.

Ja, es gibt die Checkpoints, wo STI-Tests angeboten werden, ohne zu viele Fragen zu stellen. Ich halte es jedoch für wichtig, dass mein Arzt mich testet und über alle Tests Bescheid weiss. Denn ich brauche meinen Arzt, jedoch mit Vertrauen und Verständnis.

Warum vergisst das Gesundheitssystem asymptomatische sexuell übertragbare Krankheiten? Warum fragen mich einige Ärzte, ob ich ein Risiko hatte oder nicht? Und warum wollen sie mich auf einen aus ihrer Sicht „richtigen“ Weg bringen? Ich bin im Alter von 40 Jahren eine unabhängige Person und will keinen moralischen Vortrag über mein sexuelles Verhalten hören. Ich gehe schliesslich ins Krankenhaus und nicht zur Beichte in die Kirche.

Ich glaube, die Beziehung zwischen Patient und Arzt sollte ehrlich, offen und vertrauensvoll sein. Ärztinnen und Ärzte sollten alles über ihre Patientinnen und Patienten wissen, was dazu dient, sie besser behandeln zu können. Versucht der Arzt mit seinem Moralkodex in die Privatsphäre des Patienten einzugreifen, wird der Patient einfach dichtmachen. Am Ende wird niemand davon profitieren.

Die Frage ist, warum das alles gemacht wird. Die Antwort ist vermutlich einfach – und kurzsichtig. Zunächst spart man Geld bei STI-Tests. Aber nur weil niemand darüber nachdenkt, wie viel es kostet, alle meine Sexualpartner zu heilen, nachdem sie sich bei mir erneut mit einer STI infiziert haben - nur, weil mir kein Test angeboten wurde.

Um dies zu verhindern, müsst man lediglich neue Regeln festlegen, das System ändern und die STI-Tests für alle anbieten, die Sex mit anderen Menschen haben. Dann müssen die Patientinnen und Patienten nicht nachfragen oder gar nachweisen, dass ein solcher Test sinnvoll ist.

Werden STI-Tests offen angeboten, befreit das den Betroffenen und verbessert die Beziehung des Arztes zum Patienten. Wenn der Patient die Tests mit der Begründung ablehnt, dass kein Risiko besteht, ist dies natürlich in Ordnung. Hauptsache, die Initiative geht von einem Arzt ohne moralische Vorhaltungen, Vorurteile und Stigmatisierung aus.

Ökonomen mögen fragen, wie viel ein solcher Systemwandel für die Krankenkassen kostet. Ich antworte, dass wir schon auf mittlere Sicht eine gesündere Bevölkerung und die geretteten Nerven sowohl des Patienten als auch des Arztes gewinnen.

 

Alex Schneider / Juli 2019