Aus unserem Leben – 26. März 2019

More Drama Please!

Evolution of Aids

Fickst du bare?
Ja ab und zu, du?
Geil...auch manchmal, aber nur wenn sauber.
Geil, bin sauber.
Geil!! Will dich füllen!
Geill!!
Wann hast du dich zum letzten Mal testen lassen?
———

Das war ich. Also ich war es, der nicht zurückschrieb. Schliesslich war ich nicht mehr in der Testphase. Das Ding ist, ich bin eben nicht sauber und so habe ich früh gelernt, Schweigen ist nicht nur Gold wert, sondern hält mich sauber. Erst wenn du sprichst, wirst du krank. Verstehst du? Erst dann verdirbst du den Spass. Erst dann wird die Milch sauer. Immer wieder habe ich mich in diese Situation manövriert, etwas suchend, einer Fantasie nachjagend, um den Zustand der Unversehrtheit herzustellen, bevor ich unsauber wurde.

Please no drama. Wie oft wurde mir das schon geschrieben, wie oft musste ich das auf einem Profil lesen - Please no drama. Als Schwuler ist man besser entweder still und sauber, oder lustig und unbekümmert. Das sei nun das Pünktchen auf dem i, bemerkte mein Vater zu meiner HIV-Infektion. Ich weiss bis heute nicht was er damit meinte, aber es ist das Einzige an was ich immer wieder denken muss, wenn ich mich an den Sommerabend im üppigen Garten meiner Eltern erinnere. Gleich neben dem Erdbeerfeld. Mein zweites Coming-Out. Doch auch zu Hause galt: Gesund ist, wer schweigt.

Ich war Anfang Zwanzig, nahm meine Medikamente und dachte, wenigstens muss ich mir jetzt keine Sorgen mehr machen. Solange wir nicht reden, solange kann uns nichts passieren. Es folgte eine Zeit, an die ich nur ungern zurückdenke. Ein Gemisch aus Angst, Scham und Hass liessen mich in eine Welt abtauchen, in der kaum noch geredet wurde. Aber auch eine Welt, in der man für kurze Zeit vergessen konnte, dass etwas nicht stimmte. Wo gekeucht und geschwitzt wird, aber mit Worten so sorgfältig umgegangen, als wären sie eine ätzende Säure. Erst wieder im Treppenhaus, wo das schwache Licht alles flach aussehen lässt, während mir die Rotze aus dem Arsch lief, warfen sich meine Sorgen, wie auf hoher See, von dieser auf die andere Seite. Aber hey - No Drama Please! Alleine ist besser.

Und dann kam PrEP. Und plötzlich wurde aus dem Schweigen eine Sache. Und das wunderbare an der Sache ist doch, dass man jetzt darüber spricht. Das bin nicht ich. Ich kann danebenstehen und mitreden. Kurze und knackige Abkürzungen wurden an die Stelle von Schweigen gerückt: PrEP, PEP, TasP sind nun Indikatoren, ob du Glück oder Pech hattest. Seit da werde ich weniger gefragt, ob ich sauber bin. Was passiert nun? Schliesslich hat sich in den letzten Jahren vieles verändert, könnte man meinen. Nicht nur was der neu erlangte Schutz vor HIV anbelangt, sondern auch in den Fragen nach Identität. Die Dating-Apps passen ihre Möglichkeiten bezüglich Geschlecht, Pronomen und HIV-Status an. Die Dinge scheinen sichtbarer zu werden.

Aber Jahrzehnte von verinnerlichter Diskriminierung und Scham lassen sich weder mit einem Medikament noch mit neuen Abkürzungen auflösen. Studien belegen, dass die HIV-Neuinfektionen sinken in den Ländern, wo PrEP erhältlich ist. Männer, die PrEP nehmen, begeben sich in engmaschige Kontrollen durch Ärzte. Das ist super und wünschenswert, aber darum geht es mir hier nicht. Die Auseinandersetzung mit HIV findet zwar auf medizinischer und dadurch auch sprachlich kontrollierter Ebene statt, doch ist es das, was wir brauchen? Ein Arzt mag fachlich kompetent sein, aber oft genug kann er mit seinen Patienten nicht über Sexualität sprechen. Mein Arzt war super - fachlich. Doch in seinem, immer halb abgedunkeltem, Zimmer wurde vieles - wenn überhaupt - nur angedeutet. In mir brodelte es, aber zur Eruption kam es nie.

Ich weiss von HIV-Positiven die in ihrem Profil angeben, sie seien auf PrEP. Oder von Leuten auf PrEP, die sich immer noch fürchten mit jemanden unter Therapie Sex zu haben. Und dann sind da noch all jene, die sich jetzt nicht nur vor Positiven fürchten, sondern auch noch vor den neuen PrEP-Schlampen. Bevor es PrEP gab hatte ich bare Sex mit Männern, ohne dass wir je über unseren Status gesprochen hätten. Wahrscheinlich waren wir beide positiv und hatten weit mehr Gemeinsamkeiten als dasselbe Gleitgel. Aber wir schwiegen nahezu immer. Reden führt zu Drama und das wollen wir tunlichst vermeiden. Wir kennen es nicht anders.

PrEP kann das Reden auch wieder verhindern, weil es jetzt einfacher geworden ist, die „———„ zu füllen, aber PrEP hätte das Potential, das Schweigen und Fingerzeigen zu durchbrechen. Das liegt an uns. Über die letzten Jahre führte ich viele Gespräche mit verschiedenen schwulen Männern und so facettenreich unsere Hintergründe auch sein mögen, unterm Strich ging es allen gleich: ein grosses Bedürfnis zu reden und trotzdem überall Scham, die uns daran hindert. Wenn ich jetzt eine Dating-App öffne, steckt auf einmal hinter jedem Profil ein Mensch und nicht ein potentieller Fick. Und ich frage mich, was ist das für eine Haltung? Dieses „no drama“? Ich kann diese Frage nicht beantworten, aber ich wünsche mir, dass wir darüber sprechen.

So habe ich mir das nicht vorgestellt, als ich das erste Mal online war – auf der Datingplattform Purplemoon. Damals, als ich auf dem schmalen Streifen Gras lag, neben dem Erdbeerfeld abseits vom Haus meiner Eltern und mir ausmalte, wie mein erstes Date mit diesem süßen Typen werden wird. So haben wir uns das doch alle nicht vorgestellt. So völlig verwüstet. Wo alle Angst haben etwas zu sagen und für sich einzustehen.

Und doch formen sich langsam neue Orte. Orte, wo wir als Community wieder unterschiedlichen Stimmen Raum geben. Überhaupt entstehen erst Räume, in denen wir experimentieren können, wie wir miteinander reden möchten. Diese Orte sind wichtig, damit eine neue Form der Community entstehen kann - abseits der fragmentierten Onlinewelt. Ein Ort an dem wir zuhören und mitfühlen und aufhören uns gegenseitig mit ‚no drama‘ auszubremsen. Ich fordere: More drama please!

 

Yves / März 2019