Therapie & Gesundheit – 04. November 2020

Nahrungsergänzungsmittel und HIV – wer nimmt keine?

Fast alle Menschen die mit HIV leben, schlucken irgendwann oder ständig Nahrungsergänzungsmittel. Die Gründe dafür sind unterschiedlich, der Nutzen nicht immer erwiesen. Bestimmte Vitamine werden auch häufig ärztlich verschrieben. Genau hinschauen sollte man auf jeden Fall, denn die Hersteller solcher Präparate sind eine vor allem auf Umsatz bedachte Industrie. Interessante Informationen dazu gibt es jetzt auch im Zusammenhang mit COVID-19.

Manche Nahrungsergänzungsmittel haben einen wichtigen Einfluss auf die öffentliche Gesundheit. Zwei Beispiele seien erwähnt: Seit dem Kochsalz Jod beigefügt wird, ist der sogenannte Kropf, das Struma der Schilddrüse, verschwunden. In vielen Ländern wird der Milch Vitamin D beigefügt. Viele Herz-Kreislauf Forscher plädieren dafür – in der Schweiz und in Deutschland wird es bisher aber nicht gemacht. Dabei hat mindestens jeder zehnte Mensch einen mehr oder weniger ausgeprägten Vitamin-D Mangel; im Winter ist es die Hälfte der Bevölkerung. Beliebt bei Menschen mit HIV sind auch Omega-3 Fettsäuren (Fischölkapseln) und Magnesium, beide für Herz-Kreislauf.

In bleibender Erinnerung ist mir eine Grippe-Epidemie 1983 – der Schreibende war in der militärischen Ausbildung in der Berner Kaserne. Eines Tages kam der Schulkommandant zum Morgenappell und appellierte an die ganze Schule, täglich mindestens einen Apfel zu essen. Diese wurden in Harassen vor die Schulungsräume gestellt und täglich neu gefüllt. Das Resultat war eindrücklich – die Infanterieschule nebenan war zu 80% lahmgelegt, wir hatten bloss 2 Patienten unter uns.

Informieren vor dem Konsumieren
Wenn man Nahrungsergänzungsmittel oder Vitamine nehmen möchte, sollte man sich bei unabhängigen Stellen informieren. Ausgezeichnete Informationen finden sich bei der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung (www.sge-ssn.ch). Besonders empfehlenswert ist diese Quelle, weil sie auch wichtige Hinweise zu Nahrungsmitteln liefert. Der Mensch kann vieles selbst steuern – noch nie war das Angebot an frischen Nahrungsmitteln, Früchten und Gemüsen das ganze Jahr über so gut. Trotz des guten Angebots ernähren sich viele Menschen ungenügend oder falsch – jeder fünfte hospitalisierte Patient in der Schweiz ist betroffen. Die Gesellschaft hält eine ganze Serie von Empfehlungen zu Ernährung und Krankheit zum Runterladen bereit – es lohnt sich sehr, da reinzuschauen. Ebenfalls lesenswert sind die Nährstoffempfehlungen, und zwar sowohl die sogenannten DACH-Referenzwerte, wie auch die Empfehlungen des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV.

Dann gibt es eine gut gemachte Webseite, leider nur in englischer Sprache, Snake Oil Supplements? Die Seite liefert den wissenschaftlichen Nachweis für viele populäre Nahrungsergänzungsmittel. Hilfreich für die Orientierung ist die visuelle Darstellung mit der sogenannten «Worth it line»: Was darunter aufgeführt ist, bringt keinen Nutzen. Unter der Linie gibt es übrigens sehr viel mehr Präparate als drüber. Bei der letzten Aktualisierung im April 2019 wurden zum Beispiel neue Daten zu Knoblauch und Krebstherapie publiziert (die Daten sind nicht sehr ausgeprägt, weitere Forschung ist nötig). Neu und ausgezeichnet ist der Beweis über die Wirksamkeit von Mönchspfefferbereitungen (Vitex agnus castus) bei prä-menstrualen Beschwerden. Stark sind auch die Daten für 3-5 Tassen Kaffee pro Tag zur Prävention von Herz-Kreislaufbeschwerden, sowie von Calcium und Vitamin-D für gesunde Knochen.

Vitamin-D gegen COVID-19?
Vitamin-D Mangel könnte mit einem schwereren COVID-19 Verlauf in Zusammenhang stehen – das war vor ein paar Tagen in der Presse nachzulesen. Eine Metastudie, online publiziert im «Journal of Medical Virology» wertete Daten von fast 1'400 COVID-19 Patienten aus. Personen mit schlechter Prognose hatten deutlich tiefere Vitamin-D Spiegel als jene mit guter Prognose. Die Wissenschafter schlagen den Vitamin-D-Spiegel sogar als Prognosefaktor für den Verlauf einer Erkrankung vor. Ein kausaler Zusammenhang ist damit noch nicht bewiesen – die Beobachtung könnte auch bloss eine sogenannte Korrelation darstellen, und die eigentliche Ursache eine andere sein. Eine kleinere Pilot-Studie aus Cordoba scheint aber den Beweis genau dafür zu liefern. 50 zufällig aus einer Gruppe von 76 ausgewählten, ins Spital eingelieferten COVID-19 Patienten, erhielten zusätzlich zur Standardtherapie das Vitamin-D-Stoffwechselprodukt Calcifediol. Dieses wird im Körper zum aktiven Vitamin umgebaut. Von den fünfzig Patienten mit Calcifediol musste nur einer auf die Intensivstation (und wurde wieder entlassen). Aus der kleineren Gruppe mit 26 Personen ohne Calcifediol waren es 13, zwei davon sind verstorben. Zur Sicherung der Beweislage braucht es allerdings eine grössere Studie. Man weiss aber von Atemwegsinfektionen und besonders von der Tuberkulose, dass ein Vitamin-D Mangel ein Risikofaktor ist.

 

David Haerry / Oktober 2020

 

50 Nahrungsergaenzung Deutsch