Therapie & Gesundheit – 17. Juni 2020

Sex in Zeiten von Corona und die Regulierung des praktischen Lebens

Schwul oder hetero oder was auch immer – für einmal war dem Virus die sexuelle Orientierung echt egal. Wer nicht abstinent oder in einer festen und monogamen Beziehung lebt, hat schwierige Wochen hinter sich, und möglicherweise noch schwierigere vor sich, denn SARS-CoV-2 ist da, um zu bleiben. Die Massnahmen des Bundes schränken aber nicht nur sexuell aktive Menschen ein, sondern unser ganzes soziales Miteinander und besonders auch unsere Senioren.

Was können und dürfen wir noch mit Menschen tun, die uns nahestehen, mit der Grossmutter oder mit einem Sexdate? Ein ungewohnt weites Risikospektrum, eine Informationslawine auf allen Kanälen mit täglich wechselnden Neuigkeiten haben viele Menschen überfordert. Bedürfnisse und Prioritäten haben sich bei einigen etwas verschoben. Zwar waren die Dating Applikationen nach wie vor hoch im Kurs, doch haben einige vor dem Date doch etwas länger gewartet, es beim Chatten belassen, oder für sexuelle Kontakte den bestehenden Freundeskreis der Erforschung unbekannten Territoriums den Vorzug gegeben.

Abstandhalten im Sexclub?
Mittlerweile sind Bars und Restaurants wieder offen, Bordelle und Sexclubs ebenfalls – wir danken der Aids-Hilfe Schweiz für ihren beherzten Einsatz. Aber da stehen Dinge wie «Zutritt nur gegen Angabe einer Kontaktmöglichkeit» und «Abstandhalten – 2 Meter – wenn möglich max. 15 Minuten am selben Ort» - das soll wohl genügen, um drei Monate Gefühlsstau zu befreien? Immerhin hat man eingesehen, dass es auf die Dauer Spielraum braucht, deshalb wird - einigermassen verzweifelt - an die Selbstverantwortung appelliert, um im Informationsgewirr den Menschen dann doch alleinzulassen. Durchwursteln lautet die Devise.

Währenddessen wird auf der Strasse um diese und jene gerechte Sache demonstriert, in offensichtlicher Missachtung einiger Coronavorschriften, aber im Restaurant und in der Sauna wo wir es gemütlich haben wollen, achten die Ordnungshüter auf peinliches Umsetzen amtlicher Regeln. Geht das auf Dauer gut, ist das glaubwürdig?

Auf Dr. Gay versuchen motivierte Moderatoren tapfer Abstandsregeln und Nullrisikoschutzstrategien zu kommunizieren. Wir wollen keine harte Kritik üben – das ist gut gemeint und kommt von Herzen. Aber etwas Nachdenken ist erlaubt – haben uns vierzig Jahre HIV nicht gezeigt, dass Verbote und Schulmeistern nicht funktionieren?

Wollen wir wirklich jedes sexuell interessierte Wesen mit unmenschlichen Verboten zudröhnen und mit Schuld und schlechtem Gewissen belasten? Wäre es nicht hilfreich, über Risikoverminderungsstrategien nachzudenken und die Menschen dafür an den Tisch zu holen?

Psychische Folter im Altersheim
Im Umgang mit unseren Senioren haben wir kläglich versagt. Der halb demente Götti im Altersheim versteht nicht, warum ihn plötzlich keiner mehr besucht. Zuwendungsentzug ist psychische Folter. In manchen Heimen, bei vielen Betroffenen haben sich schlimme Szenen abgespielt. Sie werden noch lange mit diesen Bildern kämpfen.

Behörden brauchen die Gesellschaft im Krisenfall
Pandemien kommen zum Glück nicht häufig, aber regelmässig. Die Welt ist kleiner geworden. SARS-CoV-1 konnte vor 18 Jahren regional bekämpft und in Bann gehalten werden. Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung haben uns verletzlicher gemacht – darauf werden wir uns einstellen müssen, denn das Rad lässt sich nicht zurückdrehen. Die zu spät einberufene Covid-Taskforce Schweiz hat tolle Arbeit geleistet – wo man ihr zugehört hat. Mit den Masken will es zwar nicht recht klappen, aber das liegt an amtlich verunglückter Kommunikation und nicht an der Wissenschaft. Georg Häsler hat es letzte Woche in der Neuen Zürcher Zeitung auf den Punkt gebracht: Das System Schweiz offenbarte schonungslos seine strukturellen und menschlichen Stärken und Schwächen. Und er vermerkt «Wenig souverän wirkt der Bundesrat bis heute immer dann, wenn es ums praktische Leben in der Schweiz geht.»

Nothing about us without us
Wir haben die Zusammensetzung der Taskforce moniert. Da gibt es zwar eine Expertengruppe unter dem Titel «Ethics, legal, social» - Mitglieder sind 5 wissenschaftliche Experten von westlich der Saane, die wir zum Teil kennen und auch schätzen. Wir durften uns dann an einer Konsultation beteiligen, das wollen wir verdanken.

Vierzig Jahre HIV und dreissig Jahre Drogenarbeit haben uns aber noch etwas anderes gelehrt: Man muss die Menschen um die es geht, gleichberechtigt und als volle Partner mit am Tisch haben. Ziemlich sicher würde der Bundesrat dann souveräner wirken, wenn es um das praktische Leben in der Schweiz geht. Und dieses praktische Zusammenleben wird in den nächsten zwei, drei Jahren nicht einfacher. Auch dieser Realität müssen wir uns stellen.


David Haerry / Juni 2020