Therapie & Gesundheit – 16. Juni 2020

Vorarlberger Fachtagung zu HIV 2020

10 Tage vor dem Lockdown fand in Bregenz am 6. März 2020 die Vorarlberger Fachtagung zu HIV statt. Bei uns in der Schweiz war das Händeschütteln bereits nicht mehr angesagt, aber in Österreich war zu diesem Zeitpunkt noch alles normal. Es tat gut, sich mit einem anderen Virus auseinanderzusetzen als mit dem SARS CoV-2.

Die Fachtagung informiert alle zwei Jahre durch Fakten und Berichte über aktuelle Themen in der Arbeit mit Menschen mit HIV. So sollen Stigma und Diskriminierung abgebaut und ein respektvoller Umgang gefördert werden.

Dr. Kerstin Wissel, Infektiologin von der Klinik für Infektiologie und Spitalhygiene am Kantonsspital St. Gallen präsentierte mit ihrer Safari durch die Welt der Infektiologie die „Big Five“. Anschaulich stellte sie die fünf häufigsten Geschlechtskrankheiten dar.

Geschlechtskrankheiten

Jährliche Fallmeldungen BAG 33/2018, dargestellt von Dr. Kerstin Wissel, Kantonsspital St. Gallen


Ihr Fazit: «Geschlechtskrankheiten sind (wieder) da und präsent.» Kondome schützen zwar nach wie vor sicher vor HIV, aber heute sind auch weitere Strategien zur Prävention notwendig. Gerade bei Gonokokken, Chlamydien und Syphilis ist die Zunahme der oralen Übertragungswege markant und die Kondomstrategie nur eingeschränkt wirksam, da die Übertragung durch Schmierinfektionen erfolgt. Deshalb ist das Testen bei Symptomen unerlässlich. Bei einem Risikoverhalten sollte auch ohne Symptome regelmässig getestet werden.


Im Bereich Pflege gab uns Volker Wierz, Pflegeleitung der Klinik für Infektiologie am Krankenhaus Berlin Tempelhof, Einblicke in die Beratung bei HIV Erstdiagnosen und ging auf die «Late Presenter» ein. Das sind Personen, die die Diagnose spät erfahren, also erst wenn sie bereits unter 350 CD4-Zellen sind. Er schätzt, dass ca. 12% der Menschen, die mit HIV in Deutschland leben, nicht wissen, dass sie betroffen sind. Sie leben mit der Gefahr, an Aids zu erkranken und den Virus weiterzugeben. «Ein Teil dieser Menschen entwickelt Vorzeichen einer Aids-Erkrankung. Mind. 21% der Menschen mit Vorzeichen suchen ärztlichen Beistand aber...

  • Vorzeichen werden nicht als solche erkannt
  • Das Erkennen von Vorzeichen triggert keinen HIV Test
  • Besonders vulnerabel sind Frauen und nicht-schwule Männer»

Die Stigmatisierung von HIV hängt nicht am Virus sagt er, sondern an den Übertragungswegen Sex (Analverkehr) und Intravenöser Drogenkonsum. Es wird ein Fehlverhalten unterstellt und damit Schuld zugewiesen. Die Diagnose HIV legt eine scheinbare „Verhaltensspur“ offen und berührt gesellschaftliche Tabuthemen, wie sexuelle Vielfalt und Abweichung von Normen. Hemmungslosigkeit, Lust, sexuelle Ausschweifung, Sex mit Menschen anderer Hautfarbe, Herkunft usw.

Gerade Personen, die nicht zu den oben genannten Gruppen gehören, werden oft sehr spät diagnostiziert, was auch eine Folge der Stigmatisierung ist.

Zum Thema Kinder und Jugendliche mit HIV hielt ich einen Vortrag. Seit Jahren bleiben bei uns die Zahlen mit 0 bis 5 Geburtspositive pro Jahr tief. Wer heute unter wirksamer Therapie ist, kann auf natürlichem Wege ein Kind empfangen und gebären. Allerdings sieht es in gewissen Regionen der Welt völlig anders aus.
Auch wird unterschätzt, dass Frauen während der Schwangerschaft und in den ersten sechs Monaten nach der Schwangerschaft ein erhöhtes Risiko haben, sich mit HIV anzustecken. Das und vieles mehr zum Thema Kinder und Jugendliche mit HIV, folgt in einem separaten Artikel.

Im Anschluss an die Referate gab es Workshops von Volker Wierz und mir, sowie einen von Michèle Atzl, Onkologin, Infektiologin und Fachärztin am LKH Feldkirch. Krebs sei in Vorarlberg die Haupttodesursache bei HIV-Patienten und spezielle Krebsarten wie Kaposi-Sarkom kommen bei ihnen 500-mal häufiger vor oder das Non-Hodgkin-Lymphom 12-mal häufiger. Bei Frauen wird dreimal häufiger Gebärmutterhalskrebs diagnostiziert. Menschen mit HIV haben auch ein erhöhtes Risiko für verschiedene andere Krebsarten und bösartige Krebserkrankungen des Anus, der Leber, der Mundhöhle, des Rachens und der Lunge.

Als Fazit zur Tagung ist zu sagen, dass trotz grossartigem medizinischem Fortschritt das Stigma nach wie vor grosse Auswirkungen auf die psychische wie physische Gesundheit bei Menschen mit HIV hat. Deshalb ist es enorm wichtig, dass die Botschaft des Swiss Statement von 2008 unermüdlich in die Welt getragen wird:

«Bei erfolgreicher HIV-Therapie kann HIV selbst beim Sex ohne Kondom nicht übertragen werden.»

Quellen und weitere Unterlagen zur Fachtagung können hier abgerufen werden.

 

Angela Lagler / Juni 2020