Therapie & Gesundheit – 28. März 2018

Ist Rauchen für Menschen mit HIV ein zusätzliches und vermeidbares Gesundheitsrisiko?


Eine Arbeitsgruppe unter der Leitung von Marie Helleberg vom Universitätsspital in Kopenhagen untersuchte bei 17‘000 HIV-positiven Männern das Zusammenwirken von HIV-Infektion und Rauchen. Es ging darum, bei HIV-Patienten unter antiretroviraler Therapie festzustellen, ob das Rauchen deren Erkrankungsrisiko erhöht oder die Lebenserwartung reduziert. Diese Studie mit dem Titel: Smoking and life expectancy among HIV infected individuals on antiretroviral therapy in Europe and North America wurde 2015 in der Fachzeitschrift AIDS (Vol. 29, Nr. 2, pp.221-229) veröffentlicht. Sie entstand in einer europäischen Zusammenarbeit von HIV-Spezialisten aus neun Ländern: Dänemark, Grossbritannien, Frankreich, den Niederlanden, Deutschland, Italien, Schweiz, den USA und Kanada. Von Schweizer Seite war das Centre Hospitalier Universitaire Vaudois (CHUV) in Lausanne beteiligt. Die Tatsache dass bei den HIV-Patienten der Raucheranteil zwei- bis dreimal höher ist, als bei der übrigen Bevölkerung gibt der Untersuchung zusätzliche Bedeutung.

Die Studie kommt zu folgendem Ergebnis: Personen mit HIV – wohlverstanden unter gut funktionierender antiretroviraler Therapie – verlieren mehr Jahre an Lebenserwartung durch das Rauchen als durch ihre HIV-Infektion selbst. Bei 35jährigen sind es zusätzlich 7.9 Jahre, bei 65jährigen zusätzlich 6.6 Jahre. Bei den HIV-Patienten ist das Sterberisiko bei Rauchern fast doppelt so hoch wie bei Nichtrauchern. Etwa 60 Prozent der Todesfälle werden bei HIV-Patienten durch Erkrankungen verursacht, die mit dem Rauchen zusammenhängen, etwa kardiovaskulare Erkrankungen, aber auch Erkrankungen der Leber, der Lunge (COPD) und des Herzens. Es kann sogar nicht ausgeschlossen werden, dass die Wirksamkeit der HIV-Therapie durch Rauchen beeinträchtigt wird, oder dass die Schädigung des Immunsystems durch das HI-Virus bei Rauchern grösser ist als bei Nichtrauchern. Zu berücksichtigen ist weiter, dass ein starker Link besteht zwischen Rauchen und dem Suchtverhalten in andern Bereichen, wie etwa beim Konsum von Alkohol und Partydrogen oder bei einer erhöhten Risikobereitschaft beim Sex. Die Schlussfolgerung liegt auf der Hand: Die Autoren leiten daraus die Notwendigkeit ab, für HIV-Patienten Tools und Hilfe anzubieten, damit sie das Rauchen aufgeben. Sie verbessern damit wesentlich ihre Überlebenschancen mit der HIV-Infektion. Wie in vielen andern Bereichen gilt auch hier: Man soll Risiken nicht kumulieren, denn sie können sich gegenseitig verstärken.

Die Schweizer HIV-Kohorte führt zur Zeit eine Studie durch, um HIV-Patienten bei der Raucherentwöhnung zu unterstützen. Sie läuft noch bis Ende Jahr. 60 Personen sind bereits beteiligt. Kontaktperson ist Prof. Dr. Heiner Bucher, Leiter des Institut für klinische Epidemiologie & Biostatistik am Universitätsspital Basel.

Herr Professor Bucher, Sie führen diese Studie durch. Was ist das Ziel dieser Studie?

Das Ziel ist rauchende Patienten zu unterstützen welche motiviert sind mit Rauchen aufzuhören. Wir möchten untersuchen ob ein selbst durchgeführtes Monitoring des durch Rauchen erhöhten CO Gehalts in der Ausatmungsluft mit Hilfe einer interaktiven App Rauchern den Ausstieg zu ermöglichen hilft. Der Smokelyzer, welcher den CO Gehalt der Atemluft misst, wird mit dem Mobiltelefon verbunden und bietet zusätzlich nützliche Tipps, Motivation und Reminders für den Nikotinstopp. Er liefert dem Patienten die Messwerte auf dem Mobiltelefon und macht sie auch dem Studienzentrum zugänglich. Nikotinersatz ist in der Studie erlaubt.

Was erwarten Sie davon?

Dies ist eine randomisierte kontrollierte Studie. Wir erwarten, dass Patienten mit Selbstmonitoring von CO und der App eine höhere Erfolgsrate haben als Patienten in der Kontrollgrupp, welche in einer regulären Sprechstunde zum Rauchstopp beraten werden.

Bis wann dauert die Studie und kann man sich noch einschreiben?

Die Studie dauert 6 Monate und wird in allen Zentren im Rahmen der Konsultationen der SHCS durchgeführt (mit Ausnahme von Genf). Aufhörwillige sollten ihre Ärztin oder Arzt bei einer nächsten Konsultation im Zentrum auf die Studie ansprechen.

Was sind die Anforderungen und Bedingungen für eine Teilnahme?

Man muss gewillt sein wirklich aufzuhören und ein Stoppdatum fixieren. Man muss die Messungen regelmässig durchführen und wird durch die App auch daran erinnert. Zudem muss man ein Mobiltelefon der neueren Generation besitzen (iphone 5 a 6+, Android 5+). Rauchen von E Zigaretten ist nicht erlaubt. Nach 6 Monaten prüfen wir bei allen Patienten im Rahmen der Sprechstunde, ob sich CO noch in der Atemluft messen lässt und sie uns berichten, dass sie erfolgreich mit Rauchen aufgehört haben.

Prof. Heiner C. Bucher, Direktor, Institute for Clinical Epidemiology & Biostatistics,
Division of Infectious Diseases & Hospital Hygiene, University Hospital, CH-4031 Basel,
www.ceb-institute.org,
Phone: +41 61 3286101

 

Hansruedi Völkle / März 2018