Therapie & Gesundheit – 29. November 2017

Wie psychische Störungen den Erfolg der HIV-Therapie beeinträchtigen können

Neuere Studien zeigen, dass psychische Störungen bei HIV-Patienten den Erfolg der antiretroviralen Therapie beeinträchtigen und damit die Überlebenschancen Betroffener vermindern können, wenn sie nicht behandelt werden. Ein interessantes Referat von Glenn Treisman vermittelte Hintergründe dazu.

Immer mehr Patienten wünschen sich eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe mit ihrem behandelnden Arzt, ihrer Ärztin, denn sie wollen die Krankheit und ihren Verlauf verstehen, wollen informiert sein über die Behandlung und deren Erfolgschancen, aber auch über Risiken sowie Neben- und Langzeitwirkungen der Medikamente. Auf der anderen Seite wünscht sich auch der Arzt eine gute Zusammenarbeit mit den Patienten, denn diese trägt wesentlich zum Erfolg der Therapie und zur Stabilität der Lebenssituation der Betroffenen bei. So möchte die Ärztin etwa wissen, ob die Patientin ihre Medikamente regelmässig einnimmt, wie ihr Befinden ist, ob es Nebenwirkungen und andere Probleme gibt, also alles was auf die Krankheit und deren erfolgreiche Behandlung einen Einfluss haben kann.

Körperliche und psychisches Gesundheit hängen stark voneinander ab und beeinflussen sich gegenseitig. Deshalb kann eine HIV-Infektion zu psychischen Störungen führen. Wenn solche nicht rechtzeitig erkannt und entsprechende Massnahmen getroffen werden, können sie den Erfolg der HIV-Therapie gefährden.

Eine HIV-Infektion bedeutet an sich schon eine grosse Stressbelastung für die Betroffenen. Diese, aber auch die HIV-Infektion selbst und eventuell auch die Medikamente können zu psychiatrischen Komorbiditäten führen, etwa starken Stimmungsschwankungen, Angststörungen und Depressionen, aber auch zu Störungen beim Verhalten, bei der Wahrnehmung oder dem Gedächtnis, bis hin zu psychotischem Verhalten. Die Folgen sind oft eine Abnahme der Adhärenz (Therapietreue), aber auch ein gestörtes Sozialverhalten sowie Schwierigkeiten das tägliche Leben zu organisieren und dessen Herausforderungen in den Griff zu bekommen. Es kann zu Arbeitslosigkeit und Erwerbsunfähigkeit kommen, verbunden mit sozialer Isolation, Ausgrenzung und Stigmatisierung. Damit einhergehen kann ein sexuell riskantes Verhalten, ein erhöhtes Suchtpotential sowie Missbrauch von Substanzen, Suizidgedanken oder Selbstmord.

Die Palette der Symptome ist gross. Häufige somatische Begleiterscheinungen ‒ die als Indiz für solche psychischen Störungen gelten können ‒ sind Mangel an Energie, Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, Gewichtsverlust, gastrointestinale Symptome, aber auch Libidostörungen, Schwindel, Palpitationen, Tachykardien, Engegefühl, Luftnot, Parästhesien oder Kopfschmerzen.

In seinem Vortrag Anfang Oktober bei der ARUD, Zentren für Suchtmedizin in Zürich, kam Professor Glenn Treisman, Leiter des Zentrums für Psychiatrie und Verhaltensforschung am Johns Hopkins Hospital in Baltimore (USA) zu folgenden Schlüssen:

  1. Eine HIV-Infektion erhöht das Risiko von leichten bis schweren psychischen Störungen bei den Patienten.
  2. Solche Erkrankungen können mit Depressionen beginnen und zu chronischen und teilweise schweren psychischen Störungen führen.
  3. Abhängigkeit und Drogenmissbrauch kommen bei HIV-Patienten häufiger vor, was Therapietreue und Erfolg der Behandlung mindert.
  4. Ein systematisches Screening im Verdachtsfall, verbunden mit der Diagnose, können die Überlebenschancen der Patienten und die Wirksamkeit der HIV-Therapie deutlich verbessern.
  5. Die behandelnden Ärzte sollten daher im Verdachtsfall die entsprechenden Spezialisten in ihrer Klinik beiziehen, weil diese die nötigen Abklärungen durchführen und Massnahmen einleiten können, was letztlich die Qualität und den Erfolg der Therapie verbessert. Dies unterstützt auch das in solchen Fällen häufig überforderte Pflegepersonal, es sensibilisiert den behandelnden Arzt und ermöglicht ihm die Symptome rechtzeitig zu erkennen und die Betreuung solcher Patienten auf deren spezifische Bedürfnisse anzupassen.

Unterm Strich führt dies zu einer für beide Seiten optimalen und erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen Arzt und Patient. Dass dieses Vorgehen zu einer signifikanten Verbesserung bei der Betreuung von HIV-Patienten führt, legte Professor Treisman bei seinem Vortrag anhand von Studienergebnissen eindrücklich dar.


Hansruedi Völkle / November 2017