Therapie & Gesundheit – 28. Juli 2016

58'000 mal ungeschützter Sex in sero-diskordanter Partnerschaft und kein HIV übertragen

Die Eidgenössische Kommission für Aidsfragen (EKAF, heute EKSG) wirbelte 2008 noch einigen Staub auf als sie sagte, ungeschützter Sex unter sero-diskordanten Paaren bedeute kaum ein Risiko, wenn der infizierte Partner seit mindestens 6 Monaten erfolgreich therapiert sei. Die eben publizierte Partner-Studie beweist jetzt: die EKAF hatte recht. Eine rasche und funktionierende Therapie aller Menschen mit HIV ist die beste Prävention. Die Daten wurden an der Welt-Aids Konferenz in Durban präsentiert und eifrig diskutiert.

Die Partner-Studie zeigt uns deutlich, dass bei unterdrückter Viruslast kein HIV übertragen wird. Zwar hatten frühere Studien bereits Hinweise geliefert, doch waren dort die Teilnehmer heterosexuelle Paare und viele von ihnen verwendeten Kondome. In der Partner-Studie jedoch wurden sowohl schwule wie auch heterosexuelle und sero-diskordante Paare eingeschlossen die beim Sex aufs Kondom verzichten. Dadurch wurde die Studie genauer, denn die Beobachtungszeit von Paaren, welche beim Sex aufs Kondom ganz verzichten, war sehr viel länger.

Insgesamt elf bei Studienstart HIV-negative Partner haben sich infiziert – 10 schwule Männer und eine heterosexuelle Person. Die Infektionen stammten aber alle nicht vom HIV-positiven festen Partner. Acht von elf Personen räumten denn auch ein, ungeschützten Geschlechtsverkehr ausserhalb der Partnerschaft praktiziert zu haben.

Interessant ist auch der Hinweis, dass 91 der HIV-positiven Teilnehmer eine sexuell übertragbare Krankheit während der Studie behandeln liessen – fast gleich viele wie bei den HIV-negativen. Auch in dieser Situation gab es kein erhöhtes Risiko einer HIV-Übertragung.

Um die Sicherheit der Daten noch zu verbessern, wird die Studie weitergeführt und es werden zusätzliche schwule Paare aufgenommen.

Diese Daten sind einfach zu verstehen: 58'000 mal ungeschützten Sex (ohne Kondome) und keine einzige HIV-Übertragung. Damit dürfen wir es laut sagen: Es besteht kein Risiko einer HIV-Übertragung bei einer nicht nachweisbaren Viruslast. Weder andere sexuell übertragbare Krankheiten noch sogenannte „Blips“ 2 haben daran etwas geändert.

Was keine klinische Studie völlig ausschliessen kann, ist dass trotzdem eine Übertragung stattfinden könnte. Die Wahrscheinlichkeit ist aber derart gering, dass wir uns deswegen den Kopf nicht weiter zerbrechen sollten – eine Übertragung ist fast unmöglich. Diese Studie sollte also zu Normalisierung von HIV beitragen und sich positiv auf Stigma und Diskriminierungen auswirken.

In sehr vielen Ländern gibt es noch immer Gesetze, welche Menschen mit HIV kriminalisieren, und dabei von Risiken ausgehen, welche mit dieser Studie eindeutig widerlegt werden. Menschen mit HIV welche mit HIV-negativen Partnern Sex haben, werden dort bestraft, auch wenn ein Kondom eingesetzt oder die Viruslast nicht nachweisbar ist. In der Schweiz besteht die Gefahr seit Inkrafttreten des neuen Epidemiengesetzes per 1. Januar 2016 nicht mehr 3 - bestraft werden nur noch effektiv erfolgte Infektionen mit böswilliger Absicht (wie das traurige Beispiel des Berner Heilers).

Im Journal der American Medical Association, wo die Partnerstudie am 12. Juli publiziert wurde, wurde gleichzeitig auch ein Editorial veröffentlicht, welches sich mit der Sicherheit des kondomfreien Sex durch HIV-Positive beschäftigt. 4 Diese Ausführungen tragen mit Sicherheit zur weiteren Verwirrung des Publikums bei und dienen vor allem dem Ego der Autoren. Seriöse Wissenschaft im Dienste des Menschen ist das nicht.

David Haerry / Juli 2016


1 http://jama.jamanetwork.com/article.aspx?articleid=2533066
2 Blips sind kleine, kurzfristige Erhöhungen der Viruslast, die ab und zu gemessen werden.
3 http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Der-Bund-will-die-Uebertragung-von-Aids-entkriminalisieren/story/27104301
4 http://jama.jamanetwork.com/article.aspx?articleid=2533043