Kohorten-News POSITIV – 23. August 2017

Neues aus der Kohortenstudie SHCS: HIV-bedingte kognitive Schwäche hängt mit ungenügender Adhärenz zusammen


Aufmerksamkeitsdefizite, mehr Zeitbedarf um Informationen zu verarbeiten, abnehmende Sprachkompetenz, Gedächtnisverlust – das sind einige Symptome kognitiver Schwäche bei betroffenen Patienten. Viele dieser Symptome treten generell beim Älterwerden auf. Bei einigen HIV-Patienten kommt diese Entwicklung aber überdurchschnittlich früh, und viele haben Angst vor solchen Schwierigkeiten. Die Forschenden der SHCS gingen der Sache auf den Grund.

Eine kognitive Schwäche kann viele Ursachen haben. Die HIV-Infektion selbst kann dabei eine Rolle spielen. Aber auch bei Menschen mit HIV können noch andere Gründe vorliegen: Alkohol- und Drogenkonsum wirken sich langfristig und auch im nüchternen Zustand auf die Hirnleistung aus. Depressionen, Angstzustände oder Alzheimer sind weitere Faktoren. HIV-bedingte kognitive Schwächen sieht man häufig bei Patienten, die eine Therapie sehr spät und mit tiefen CD4-Werten begonnen haben. Oft spielen auch mehrere Faktoren zusammen.

Susan Kamal und Kollegen1 gingen der Frage nach, ob zwischen HIV-bedingter kognitiver Schwäche und Therapietreue ein Zusammenhang besteht. Die untersuchten Patienten hatten alle eine genaue neuro-kognitive Untersuchung hinter sich. 59 Patienten mit einem Durchschnittsalter von 53 Jahren waren in der Studie eingeschlossen. Zwei Drittel der Patienten waren Männer.

Ein gutes Drittel der Patienten hatte keine neurokognitiven Defizite, ein knappes Drittel hatte HIV-bedingte neurokognitive Schwierigkeiten und ein weiteres gutes Drittel zeigten neuro-kognitive Probleme, die nicht auf HIV zurückzuführen waren – meistens lag eine Depression vor. Während einer Beobachtungszeit von drei Jahren hat sich in der Gruppe mit HIV-bedingten neuro-kognitiven Schwierigkeiten die Therapietreue oder Adhärenz massiv verschlechtert. Zugleich hat sich die Wahrscheinlichkeit einer nachweisbaren Viruslast erhöht. Bei den andern zwei Gruppen konnte man keine Verschlechterung der Adhärenz beobachten, und deren Viruslast war auch stabil.

Die Studie zeigt, dass man bei neurokognitiven Schwächen besser auf die Viruslast und Adhärenz aufpassen muss um ein virologisches Versagen zu vermeiden. Wenn eine ansteigende Viruslast beobachtet wird, sollte man die neurokognitiven Leistungen der betroffenen Patienten abklären. Neurokognitive Schwächen kann man vorbeugen, ganz verhindern oder zumindest mildern – am besten durch einen frühen Therapiestart und eine gute Adhärenz.

 

David Haerry / August 2017

 

1Kamal Susan et al, Open Forum Infectious Diseases 2017, DOI: 10.1093/ofid/ofx070