Kohorten-News POSITIV – 28. Mai 2016

Neues aus der Kohortenstudie SHCS: Arbeitsfähigkeit und Beschäftigungsgrad von Menschen mit HIV unter antiretroviraler Therapie

Wie steht es um Arbeitsfähigkeit und Beschäftigungsgrad von Menschen mit HIV unter Therapie? Sehr viele Daten gibt es dazu nicht – eigentlich erstaunlich, wo sich doch dank der sehr erfolgreichen Therapien in diesem Bereich einiges verändert hat. Die Forscher der Schweizerischen HIV-Kohorte SHCS untersuchten dazu die Daten von Patienten unter sechzig Jahren, welche zwischen 1998 und 2012 eine HIV-Therapie begannen.

Noch vor zwanzig Jahren bedeutete die Diagnose HIV eine mit hoher Wahrscheinlichkeit eintretende Erkrankung und damit oft auch den Verlust des Arbeitsplatzes. Dank der funktionierenden antiretroviralen Therapie hat sich das Bild verbessert. Es wurden aber einige Hürden beobachtet, welche den Patienten den Wiedereinstieg ins Berufsleben erschwerten – wichtige Themen waren die Nebenwirkungen der Therapie sowie Diskriminierungen. Die SHCS untersuchte die Lage letztmals im Jahr 2004 und bezifferte den jährlichen Produktionsverlust von 5'000 Patienten auf 122 Millionen Franken. Damals war die Arbeitsunfähigkeit klar verbunden mit höherem Alter, aids-definierenden Erkrankungen, früherem Gebrauch von intravenös verabreichten Drogen und tiefen CD4-Werten. Eine bessere Ausbildung sowie eine stabile Partnerschaft waren mit einem höheren Beschäftigungsgrad verbunden. Damit war auch klar, dass sozioökonomische Faktoren das Geschehen beeinflussten.

In der eben publizierten neuen Untersuchung wurden Daten von 5’800 Personen berücksichtigt 1. Davon waren drei Viertel bei Therapiebeginn voll arbeitsfähig; jeder zehnte arbeitete Teilzeit und 16% waren arbeitsunfähig. Die Hälfte der arbeitsunfähigen Gruppe war unter Therapie innerhalb eines Jahres entweder teilweise oder ganz arbeitsfähig.

Gewannen im Zeitraum 1998 bis 2001 nur 24% der Patienten ihre volle Arbeitsfähigkeit innerhalb eines Jahres wieder, so stieg dieser Wert zehn Jahre später auf 41%. Der Beschäftigungsgrad der Patienten erhöhte sich aber nicht. Waren 1998 bis 2001 bei Therapiebeginn zwei Drittel der Patienten voll arbeitsfähig, waren es zehn Jahre später bereits 86%. Über einen Zeitraum von 5 Jahren verbesserte sich die Situation ebenfalls. Fast alle nach einem Jahr Therapie arbeitsfähigen Patienten konnten nach 5 Jahren Therapie immer noch einer Arbeit nachgehen (87,5%); nur bei knapp 6% hatte sich die Arbeitsfähigkeit verschlechtert. Allerdings lebten nur 71% der arbeitsfähigen Patienten auch vom Arbeitseinkommen. Die arbeitsunfähigen Patienten lebten zu fast 90% von einem Einkommen aus Versicherungen.

Die Daten zeigen eine deutliche Verbesserung der Arbeitsfähigkeit der HIV-Patienten seit 1998. Trotz tiefer Arbeitslosigkeit in der Schweiz hat sich aber der Anteil der Patienten, die ganz von ihrem Arbeitseinkommen leben, nicht erhöht.

Die offensichtlichen Fortschritte in der Behandlungsqualität lassen sich über die 14-jährige Beobachtungsperiode gut nachvollziehen. Eindeutig ist der bessere Gesundheitszustand der Patienten beim Therapiebeginn: Seit vielen Jahren wird in der Schweiz die Therapie eher früh eingeleitet und seit einiger Zeit sogar gleich nach der Diagnose. Es zeigt sich aber, dass wer einmal erkrankt und deswegen arbeitsunfähig wird, nur sehr schwer wieder in einen normalen Arbeitsprozess integrierbar ist. Es wäre jetzt sehr wichtig, herauszufinden, welche Massnahmen diesen Missstand beheben könnten. Dabei könnte man zum Beispiel an Weiterbildung von Vorgesetzten denken oder die Kommunikation zwischen behandelnden Ärzten und Arbeitgebern verbessern. Auch eine Aufklärungskampagne wäre sicher eine gute Idee.

Walter Bärtschi, David Haerry / Mai 2016

 

1 E. Elzi et al, “Ability to Work and Employment Rates in Human Immunodeficiency Virus (HIV)-1-Infected Individuals Receiving Combination Antiretroviral Therapy: The Swiss HIV Cohort Study”, OFID, DOI: 10.1093/ofid/ofw022