Aktuell

EDITORIAL

In der Herbstausgabe berichten wir traditionell von der europäischen HIV-Konferenz. Nach der EACS in Basel im November 2019 war diesmal wieder die HIV Glasgow dran – auch diese Veranstaltung musste virtuell durchgeführt werden. Die europäischen Therapierichtlinien wurden aktualisiert, es gab interessante Beiträge zu Gewichtszunahme mit den neueren Medikamenten. Besonders spannend auch ein Poster aus England zu Schlafstörungen, und ein weiteres vom Checkpoint in Zürich zur Versorgung von PrEPstern während dem Lockdown im Frühjahr. Die European AIDS Treatment Group widmete ihre heurige Spezialsitzung dem Thema «Versorgung der HIV-Patienten und PrEPster während der Covid-19 Pandemie» - wir berichten ausführlich über diesen Beitrag.

Wir betrauern den Tod von Timothy Ray Brown – der erste von HIV völlig geheilte Mensch. Seine Heilung vor einigen Jahren gab der Forschung einen vorher unvorstellbaren Schub. Leider hat sich seine Leukämie zurückgemeldet – ihretwegen hat er seinerzeit die Knochenmarktransplantation auf sich genommen.

Wir freuen uns über den verdienten Nobelpreis in Medizin für die Entdeckung des Hepatitis-C-Virus. Geehrt wurden die Amerikaner Harvey Alter und Charles Rice sowie der Brite Michael Houghton. Charles Rice ist in der Schweiz sehr gut bekannt; er hat seit vielen Jahren sein Wissen an Weiterbildungsveranstaltungen der Schweizer Infektiologen und Hepatologen weitergegeben.

Wir freuen uns noch mehr über den Ständerat, der endlich den schwarzen Listen den Garaus machen will. Und wir ärgern uns über Chirurgen, die uns mit unsinnigen Fragen stigmatisieren.

Dann beschäftigen wir uns noch mit Nahrungsergänzungsmitteln – dazu stellen wir ein Buch vor und ein zwei verlässliche Informationsquellen im Internet. Gewisse Vitamine und Naturheilmittel sollen auch gegen Covid-19 etwas nützen – wir berichten auch davon.

Nach dem Eingesperrtsein im Frühling haben wir diesen Sommer intensiver genossen als auch schon. Wir glaubten, wir könnten Corona und seien mit einem blauen Auge davongekommen. Wir haben uns zu früh gefreut, denn von Westen her wird die Schweiz langsam wieder zugemacht. Es liegen schwierige Wintermonate vor uns und bei vielen Menschen liegen die Nerven blank. Wir müssen wieder lernen, aufeinander zu hören, einander zu respektieren und uns zugleich zu schützen. Im Frühjahr haben wir die Omi weggesperrt, die Schulen geschlossen und ohne die betroffenen Menschen zu fragen, einfach dicht gemacht. Kaum einer hat gefragt, was das mit uns macht. Die Erfahrungen mit HIV vor 40 Jahren hätten uns einiges im Umgang mit ansteckenden Erkrankungen gelehrt. Dazu gehört, dass die betroffenen Menschen ein Teil der Lösung sind und mit an den Tisch gehören, wenn über sie entschieden wird. Die Experten sollen sich weiter um die Definitionsmacht streiten – die Auseinandersetzung ist wichtig, denn wir müssen Kompromisse machen und uns abstimmen. Die gelebte Erfahrung gehört aber in den Diskurs und muss eine Stimme haben. Wir werden uns weiter dafür einsetzen, dass die wissenschaftliche Taskforce des BAG mit Vertretern aus der Gesellschaft erweitert wird. «Nothing about us without us.»

PDF gesamter Newsletter POSITIV 8/2020

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David Haerry / November 2020

 

 

 

 

 

Mitte September berichteten Schweizer Medien über eine Studie des Labors Spiez. Besonders der Blick betrieb einen regelrechten Hype; die Apotheken waren im Nu leergekauft.

In der Spiezer Studie haben die Forscher festgestellt, dass das Produkt «Echinaforce» im Reagenzglas Coronaviren abtötet. Diese Arbeit wurde Anfang September im Virology Journal publiziert. Nun, was im Reagenzglas funktioniert, muss beim Menschen noch gar nichts bewirken – Zellkulturen sind kein Organismus. Aus einer Laborstudie lassen sich darum keine Schlüsse zielen. Um einen solchen Nachweis zu erbringen, braucht es längere Studien im Menschen und anschliessend eine Zulassung durch die Swissmedic. Das kostet erst mal recht viel Geld und Zeit – ob der Hersteller dazu motiviert ist, wissen wir heute nicht.

Weil bei Arzneimitteln nur für bewilligte Anwendungsmöglichkeiten beim Publikum geworben werden darf, hat die Heilmittelbehörde Swissmedic ein Verfahren wegen möglicher unerlaubter Werbung eingeleitet.

 

David Haerry / Oktober 2020

 

In sieben Kantonen landen Menschen, die ihre Krankenkassenprämien nicht bezahlen, auf einer schwarzen Liste. Ausser Notfallbehandlungen werden ihnen medizinische Leistungen verweigert. Was ein Notfall ist, scheint aber nicht überall klar zu sein, denn diese Praxis führte in Graubünden zum Tod eines Menschen mit HIV – wir haben vor zwei Jahren davon berichtet. Im selben Jahr wurde in St. Gallen der Fall einer Mutter publik, welche die Kosten für eine Geburt hätte selber übernehmen sollen – die Krankenkasse meinte, das sei ein planbares Ereignis gewesen und damit kein Notfall. Nach einer Klage des Kantonsspitals unterlag die Kasse vor Gericht.

Die damaligen tragischen Ereignisse haben in der Politik zu einem Umdenken geführt. Früher meinte man, die Listen würden säumige Prämienzahler motivieren, ihre Schulden zu begleichen. «Statt Zahlungsunwillige werden Zahlungsunfähige erfasst», schrieb die Schweizerische Akademie der medizinischen Wissenschaften SAMW im Februar dieses Jahres. Solothurn und Graubünden haben ihre Listen bereits entsorgt, in den Kantonen Aargau, Luzern, Schaffhausen, St. Gallen, Tessin, Thurgau und Tessin bestehen sie weiter.

Ständerat Paul Rechsteiner sagt, die schwarze Liste sei ein Einbruch in die medizinische Grundversorgung, welche durch das Krankenversicherungsgesetz garantiert ist. Die SAMW äussert sich ähnlich.

Die ständerätliche Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit will diese Praxis nun definitiv abschaffen. Zusätzlich schlägt sie weitere Gesetzesänderungen vor. Zum Beispiel sollen junge Erwachsene nicht für Krankenkassenbeiträge aufkommen müssen, welche bis zur Vollendung des achtzehnten Lebensjahres angefallen sind.

Der Bundesrat wird sich in einigen Wochen zu den Plänen äussern müssen. Anschliessend würde die Revision im Parlament diskutiert, und die schwarzen Listen könnten per 1. Januar 2022 Vergangenheit sein.

 

David Haerry / Oktober 2020

Vor dreizehn Jahren wurde Timothy Brown durch eine Stammzellentransplantation von HIV befreit und in den Medien als «Berliner Patient» bekannt. Seine damalige Heilung von HIV gab der Cure-Forschung neuen Aufschub. Am 30. September 2020 ist Timothy Brown einer wieder aufgeflammten Leukämie erlegen.

Ursprünglich wollte Timothy Brown seine Identität nicht offenlegen. Doch irgendwann kam er zur Überzeugung, dass er nicht der einzige Mensch sein wolle, der von HIV geheilt wird und ging an die Öffentlichkeit. Seither hat man ihn immer wieder an wissenschaftlichen HIV-Konferenzen gesehen. Der aus Seattle gebürtige Timothy Brown lebte zuletzt in Palm Springs. Er hinterlässt seinen Partner Tim Hoeffgen. Nachrufe erschienen in der New York Times, auf BBC World und in der Neuen Zürcher Zeitung.

 

David Haerry / Oktober 2020

Die europäische Medikamentenbehörde EMA hat am 15. Oktober 2020 die erste lang wirksame HIV-Therapie zur Zulassung empfohlen. Die EU-Kommission muss die Empfehlung bestätigen und die formelle Marktzulassung erteilen, was eine Routinesache ist. Ausnahmsweise ist Europa schneller als die USA, wo sich die Zulassung seit Anfang 2020 verzögert. Die Verzögerung der amerikanischen Behörden hat nichts mit der Medikamentensicherheit oder der Wirksamkeit zu tun, offenbar geht es dem FDA um Unklarheiten wegen der Produktion.

Die EMA empfiehlt zwei Dosierungen, welche intramuskulär entweder alle vier oder alle acht Wochen gespritzt werden müssen. Es handelt sich dabei um eine Zweierkombination aus dem seit einigen Jahren bekannten Rilpivirin, Klasse der Nicht-Nukleosidanaloga, und Cabotegravir, Klasse der Integrasehemmer. Die neue Therapieform muss erst mit einer Pillenformulierung eingeleitet werden. Dabei geht es darum, festzustellen, ob die Substanz beim Patienten gut verträglich ist. Die gespritzte Formulierung bleibt fast ein Jahr im Blut nachweisbar, darum müssen mögliche Intoleranzen auf jeden Fall ausgeschlossen werden. Auch aus diesem Grund kommt die neue Formulierung nicht als Erst-Therapie in Frage. Zudem dürfen die Patienten keine vorbestehenden Resistenzen in den beiden Substanzklassen haben.

Was bringt’s dem Patienten? Tschüss tägliche Pillen, das liegt auf der Hand. Mal Ferien machen ohne Pillen abzuzählen, oder ein Wochenende Party ohne Tabletten mitschleppen zu müssen. Möglicherweise ein anderes Nebenwirkungsprofil, weniger gastro-intestinale Beschwerden, doch für eine Beurteilung ist es hier noch zu früh. Die Adhärenz wird ein bisschen einfacher; vor allem aber anders, denn es gibt durchaus neue Herausforderungen. Alle vier oder alle acht Wochen braucht es einen Termin beim Arzt oder bei der Pflege – und jetzt haben wir uns doch so schön dran gewohnt, bloss zweimal im Jahr in die Kontrolle gehen zu müssen.

Bei der Swissmedic ist die Zulassung noch in Bearbeitung; wir erwarten die neue Therapie irgendwann im nächsten Jahr. Geplant ist auch ein Einsatz als Prä-Expositionsprophylaxe PrEP; entsprechende Studien sind noch am Laufen.

Die Entwicklung neuer Medikamente ist zeitraubend, das zeigte sich bei dieser Substanz besonders deutlich. Besonders gut funktioniert hat hier der Einbezug von Patienten in den ganzen Entwicklungsprozess. Lebhaft erinnere ich mich an eine Konsultation am 10. und 11. Dezember 2007 in Mechelen im Norden von Brüssel. Mit dabei war der 2014 tragisch verunglückte Professor Joep Lange aus Amsterdam. Bei der kleinen Firma Tibotec tätige Forscher hatten ein Verfahren entdeckt, welches möglicherweise grössere Dosierungsintervalle mit einer speziellen Formulierung zulassen würde. Die Substanz war eben in einem Tierversuch mit Hunden getestet worden. Man wollte damals von uns wissen, ob ein Bedarf für ein solches Medikament vorhanden war, und ob es allenfalls auch für die Prävention interessant sein könnte. Wir waren uns damals sehr einig, empfahlen der Firma aber, die Entwicklung mit einer kompletten Therapie voranzutreiben und nicht bloss mit einer einzelnen Substanz. Wenn schon, dann müsse die ganze HIV-Therapie auf diesem Weg verabreicht werden, sonst bringt es nur Komplikationen statt Nutzen. Dreizehn Jahre später sind wir soweit. Die Konkurrenten haben nicht geschlafen – es erwartet uns einiges an Neuem mit ähnlichen Eigenschaften.

 

David Haerry / Oktober 2020