Kann man sich ganz auf Basel beschränken und so die Geschichte von Aids erzählen? Die Basler Aids Stiftung wagte das Experiment, fand engagierte Autoren und landet einen Volltreffer.

1980 packte in Basel Ulrich Goetz seine Habe in einen Container und verabschiedete sich als politischer Korrespondent der Basler Zeitung nach Washington. Ein Glücksfall für die Entstehung dieses Buchs, hat sich Goetz doch quasi nebenbei mit der damals aufkommenden „Schwulenseuche“ beschäftigt. Der zweite Basler wollte wie schon Goetz mal Chemiker werden, doch auch Martin Hicklin wurde Journalist und landete ebenfalls bei der Basler Zeitung. Und weil der Basler Chefarzt Manuel Battegay seit 1988 hautnah am Thema dran ist, war er die logische Ergänzung im Autorenteam.

Entstanden ist ein richtiges Lesebuch, denn einsteigen kann man irgendwo. Die Geschichten von HIV-Betroffenen umfassen Erfahrungen aus frühen Tagen im Jahr 1984 und enden mit der schmerzhaften Erfahrung des Basler Stadtoriginals Minu 2016. Basel stellt sich dem Virus – resolut und beherzt mobilisieren sich das schwule Basel, die Kirchen, die Mediziner inklusive dem Kinderspital, Drogenfachleute und die Aids-Hilfe. Auch in diesem Kapitel offenbart sich die grosse Qualität des Buches. Als Leser ist man ganz nah dran bei den unterschiedlichsten Menschen und Perspektiven auf das eine Thema.

Das Affenvirus springt in Afrika auf den Menschen über, reist in die Welt, nimmt sie in Geiselhaft und stellt den medizinischen Fortschritt und das Überleben des Menschen in Frage. Spannender ist kaum ein Krimi.

Aus Basel hinaus wird der Bogen in die übrige Schweiz und in die Welt geschlagen. Roche gelingt mit der Herstellung von Saquinavir der erste Proteaseinhibitor überhaupt und begründet damit den Erfolg der Kombinationstherapie gegen HIV. Die HIV-Prävention hat überlebt, weil sie gelernt hat sich an neue Umstände und Anforderungen anzupassen.

In jedem Kapitel, in jeder Geschichte bleiben die Autoren ganz nah an der Sache und bei den Protagonisten. Es spricht eine tiefe Menschlichkeit aus dem ganzen Buch – mal traurig, dann besinnlich und wieder heiter oder gar fröhlich. Nichts wird beschönigt, nichts wird schlechtgeredet, da sind ganz einfach Menschen mit aller Bagage, die das Menschsein ausmachen. Genau das macht es zu einem kostbaren Zeitdokument und über Basel hinaus interessant. Wir stellen es in eine Reihe mit anderen gelungenen Produktionen wie „We were here“[1], „Angels in America“[2] und „120 battements par minute“[3].

Unbedingt empfehlenswert, im deutschen Sprachraum gibt es nichts Vergleichbares.

Goetz, Hicklin, Battegay: AIDS in Basel, Verlag Schwabe, https://aidsinbasel.com

 

David Haerry / November 2018

 


[1] https://en.wikipedia.org/wiki/We_Were_Here_(film)

[2] https://en.wikipedia.org/wiki/Angels_in_America

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/120_BPM